Jazz at Berlin Philharmonic XVIII: Jazz goes Baroque
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Jazz at Berlin Philharmonic XVIII: Jazz Goes Baroque
CD / Vinyl (LP, 180g) / digital
Bernd Lhotzky harpsichord and musical director
Emile Parisien soprano saxophone
Frédéric Couderc flutes
Henning Sieverts double bass and violoncello
Eric Schaefer drums
Der Pianist Bernd Lhotzky baut mit seiner Musik Brücken zwischen Historie und Gegenwart - und das immer wieder auf neue Weise. Seine beiden letzten Alben für ACT hätten unterschiedlicher kaum sein können. Das Solo-Piano-Album Rag Bag (2024) spannt einen weiten Bogen über mehr als 100 Jahre Jazzgeschichte und erhielt den Preis der deutschen Schallplattenkritik, die Lhotzky für seine „brillante Pianistik“ sowie seine „spielerische Leichtigkeit und Stilgefühl“ lobte. Auf dem Vorgänger As An Unperfect Actor (2021) vertonte Lhotzky Shakespeare-Sonette. Die von ihm komponierte und arrangierte Musik wurde von der Band "Quadro Nuevo" und der österreichischen Schauspielerin Birgit Minichmayr interpretiert. Das Projekt war bei Kritik und Publikum gleichermaßen bemerkenswert erfolgreich.
Jazz Goes Baroque ist wieder etwas ganz anderes. Es ist die Live-Aufnahme eines besonderen Konzerts, das in doppelter Hinsicht Anlass zum Feiern bot. Zum einen war es die fünfzigste Ausgabe der von ACT-Gründer Siggi Loch kuratierten und äußerst erfolgreichen Reihe Jazz at Berlin Philharmonic. Zum anderen erinnerte es an einen von Lochs frühesten Erfolgen als noch junger Plattenproduzent: George Gruntz’ Jazz Goes Baroque aus dem Jahr 1964. Es war das erste Album des Schweizer Pianisten unter eigenem Namen und ebnete den Weg für eine einzigartige und bemerkenswerte Karriere im Jazz.
Sechs Jahrzehnte später stellte Bernd Lhotzky ein Programm zusammen, das der Originalaufnahme von 1964 Tribut zollt, sich zugleich aber deutlich von ihr löst. Als musikalischer Leiter entwickelte er dafür eigene Arrangements und Kompositionen, die historische Vorlagen nicht lediglich in ein Jazzidiom übertragen, sondern neu deuten und weiterdenken. Und wie Gruntz auf der Originalaufnahme leitet Lhotzky den Abend nicht vom Piano, sondern vom Cembalo aus.
Auch die hochkarätige Besetzung der Neuinterpretation knüpft an jene Gruppe an, die in den 1960er-Jahren Jazz Goes Baroque aufgenommen hatte. Zentraler Solist war damals der Saxofonist Klaus Doldinger, der später zu einer Schlüsselfigur des Jazz aus Deutschland werden sollte. In der Fassung des Jahres 2025 steht eine aktuelle Schlüsselfigur des europäischen Jazz im Mittelpunkt: der französische Sopransaxofonist Emile Parisien. Außerdem dabei: Der französische Flötist und Saxofonist Frédéric Couderc, dessen Virtuosität und stilistische Beweglichkeit zu den Überraschungen des Abends zählen, der Bassist und Cellist Henning Sieverts, in dessen Spiel sich Jazz und klassische Tradition auf ganz natürliche Weise begegnen, sowie der unendlich einfallsreiche Eric Schaefer am Schlagzeug.
Bernd Lhotzky, der vor allem für seine umfassende Kenntnis des frühen Jazz bekannt ist, hat eine ganz eigene Vision davon, wofür Barockmusik steht und was geschieht, wenn Barock und Jazz aufeinandertreffen. Ausgangspunkt seiner Arrangements sind oft sehr persönliche musikalische Entdeckungen. In einer Melodie Bernardo Pasquinis hört er die Stimme Sidney Bechets, ein Satz von Händel erinnert ihn an die weitgespannten Bögen eines Brahms. Hinter einem scheinbar mühelos dahinfließenden Satz Vivaldis entdeckt er ein raffiniertes Zahlenspiel – und einen durchtriebenen Wachtelkönig, der seine Spuren sorgfältig verwischt. Bei Couperin wird aus einem Stolpern eine tödliche Chute fatale, bei Pachelbel ein seit Jahrhunderten im Kreis laufendes Ostinato zu einem Wesen, das jammervoll nach Freiheit schreit. Es sind weniger stilhistorische Beobachtungen als lebendige Bilder, aus denen die Arrangements entstehen – und die den Werken eine unerwartete Gegenwärtigkeit verleihen.
Für Bernd Lhotzky liegt die Nähe von Barock und Jazz in ihrer gemeinsamen Lust an der Variation. Sequenzen, Ostinati und wiederkehrende Muster schaffen einen tragfähigen Rahmen, in dem sich Musiker verständigen und frei bewegen können. „Man hört, was sich im Gespräch am Gartenzaun zeigt, im lebhaften Austausch auf dem Markt, im herzlichen Dialog des Alltags.“ Monteverdi lud Musiker dazu ein, über einem Basso continuo zu improvisieren – mehrere Jahrhunderte, bevor die Jam-Session erfunden wurde. Für Lhotzky begegnen sich Jazz und Barock deshalb nicht als Gegensätze, sondern als Verwandte. Der Jazz verleiht dem Barock neue rhythmische Energie und improvisatorische Weite. Der Barock schenkt dem Jazz historische Tiefe, kontrapunktische Dichte und üppig-florale Formen.
Das Ideal europäischer Harmonie ist ein weiterer Leitgedanke der Gruppe, die in der Berliner Philharmonie spielte. Lhotzky beschreibt sie in seinen Liner Notes als „zwei Bläser französischer Herkunft und eine deutsche Rhythmusgruppe, glücklich vereint in der Musik“. So ist Jazz Goes Baroque auch eine Reflexion darüber, welchen Weg der europäische Jazz zurückgelegt hat. Indem es die Hörerinnen und Hörer dazu anregt, zurückzugehen und sich das Ursprungs-Album aus dem Jahr 1964 anzuhören, erinnert die Fassung von 2026 daran, wie der europäische Jazz im Laufe von sechs Jahrzehnten seine eigene Sprache, sein Erbe und seine Charaktere entwickelt hat. ACT war und ist ein wichtiger Teil dieser Geschichte - und Bernd Lhotzky hat ein weiteres überraschendes, brillant umgesetztes und freudvolles Kapitel darin geschrieben.
Credits
All arrangements by Bernd Lhotzky
Live recorded on 25 September 2025 at the Berlin Philharmonie
Recorded by Klaus Scheuermann
Mixed and mastered by Klaus Scheuermann
Produced by Siggi Loch
Cover art by Edi Rama, Untitled, 2016
Courtesy of Marian Goodman Gallery
Design by Siggi Loch
| ACT-Reihen: | Jazz at Berlin Philharmonic |
|---|---|
| Regionen: | Mitteleuropa |
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