Jazz at Berlin Philharmonic XVIII: Jazz goes Baroque
Ab
18,90 €*
Dieser Artikel ist bald erhältlich.
Crossing Currents
Ab
18,90 €*
Dieser Artikel ist bald erhältlich.
The Hero's Journey
Ab
18,90 €*
Dieser Artikel ist bald erhältlich.
Transara
Robinson Khoury: Transara
CD / Vinyl (LP, 180g) / Limited white vinyl (LP, 180g) / digital
Robinson Khoury trombone, modular synths, lead vocal in 6, 9Anissa Nehari percussions, voice in 6, 9Léo Jassef piano, synths, voice in 6, 9Der Posaunist und Komponist Robinson Khoury ist einer der meistbeachteten Rising-Stars der französischen Jazz- und Cross-Genre-Szene. Seinen Durchbruch markierte 2024 das Album MŸA im Trio mit der Perkussionistin Anissa Nehari und dem Keyboarder Léo Yassef. Die Besetzung, in der Khoury nicht nur Posaune, sondern auch modularen Synthesizer spielt und singt, wurde zu einer eng verzahnten, lebendigen musikalischen Einheit, der Titel des gemeinsamen Debütalbums wurde zum Bandnamen Robinson Khoury MŸA und das Trio steht nun auch im Zentrum des ACT-Debüts Transara.„Ich mag das Ungewöhnliche – seltsame Kombinationen, unerwartete Besetzungen. Posaune, modulare Synthesizer, Keyboards und Percussion – das hatte ich so noch nie gehört, und genau das hat mich fasziniert“, sagt Robinson Khoury über das Trio. Und weiter: „Ich glaube, wir funktionieren auch deshalb so gut miteinander, weil wir gemeinsame mediterrane Wurzeln in unseren Familien haben - das Mittelmeer verbindet uns.“ Ebenso prägend sei das urbane Leben in Paris, in dem unterschiedlichste Einflüsse aufeinandertreffen.Transara markiert für Khoury eine Evolution. Das erste MŸA-Album beschreibt er als eine Art „Embryo“, aus dem sich langsam ein musikalisches Lebewesen formte, das heute eine gemeinsame musikalische Sprache spricht. Die organische und intuitive gemeinsame Musik bewegt sich, so Khoury, „in eine andere Welt, in eine andere Realität“. Dies meint auch der Titel Transara: einen Übergang zwischen den Welten, eine Verbindung von Räumen und Zuständen.Auch Robinson Khourys persönlicher musikalischer Weg ist von Vielschichtigkeit und Transformation geprägt. Aufgewachsen in Lyon als Sohn eines Jazzpianisten und einer Jazzsängerin, war Musik von Anfang an allgegenwärtig. Er sang im Kinderchor der Oper Lyon und verbrachte die Sommer beim Festival Jazz à Vienne. Der Bruch kam mit elf Jahren, als der Stimmbruch ein Weitersingen im Chor unmöglich machte. Auf der Suche nach einem neuen Ausdruck fand er die Posaune: „Ich habe ein Instrument gesucht, durch das ich weiter singen kann – und die Posaune war dafür perfekt.“ Schon wenige Jahre später studierte er am Konservatorium in Lyon und spielte parallel in Jazzclubs. Früh bewegte er sich zwischen Klassik und Jazz und entwickelte eine Offenheit für unterschiedliche Stile.Mit etwa 18 Jahren entdeckte er zudem die arabische Musik – etwa Umm Kulthum oder Nusrat Fateh Ali Khan –, die ihn nachhaltig prägte. Obwohl er libanesische Wurzeln hat, sei diese Musik zunächst kein selbstverständlicher Teil seines Alltags gewesen; umso unmittelbarer habe sie sich als Ausdruck auf der Posaune angefühlt. „Ich liebe an der arabischen Musik besonders den Gesang. Diesen auf die Posaune zu übertragen, fühlte sich sehr natürlich an, da sie für mich wie eine zweite Stimme ist.“ Bald wurden Musiker wie Ibrahim Maalouf oder Natacha Atlas auf ihn aufmerksam und holten ihn in ihre Bands. Zudem gründete Khoury das Sextett Sarāb, das ebenfalls arabische Musik und Jazz miteinander verbindet.
Es sind all diese Einflüsse, Jazz, arabische Musik, die Spielkultur aus Robinson Khourys klassischer Ausbildung, die Liebe zum Gesang und den Drang zur Veränderung, die sich in Transara wiederfinden. Und die Musik ist auch ein Kommentar auf unsere Zeit, bewegt sich stetig zwischen Melancholie und Wärme. „Angesichts der Welt, die uns umgibt, kann man nicht anders, als nachdenklich und melancholisch zu sein,“ sagt Robinson Khoury. Gleichzeitig gehe es ihm darum, einen geschützten Raum zu schaffen in dem sich Musiker und Publikum sicher und geborgen fühlen und ihre Gefühle und Gedanken teilen können.
Ein zentrales Beispiel dafür ist das Stück „Poussière“ („Staub“). Khoury erklärt, es gehe um all die Leben, die „zu früh von uns gehen“. Zugleich liege darin eine tröstliche Perspektive: „Sie sind nicht einfach verschwunden. Der Staub bleibt Teil dieses Planeten, wir atmen ihn, er ist Teil von uns.“ Aus dieser Vorstellung entstehe Hoffnung – die Gewissheit, dass Vergangenes weiterwirkt und uns hilft, „weiter zu hoffen und zu atmen“.
CreditsRecorded in October 2025 at Studio Gil Evans, AmiensRecorded & mixed by Mathieu PionMastered by Pierre-Emmanuel MeriaudComposed by Robinson Khoury, except 8 (composed by Léo Jassef)Photo by Sylvain Gripoix
Johanna Summer: Dialoge
CD / Vinyl (LP, 180g) / digital
Johanna Summer piano
Claire Huangci piano
Danae Dörken piano Kit Armstrong piano
Igor Levit pianoWelch ein Erlebnis, durch Robert Schumanns „Waldszenen“ zu spazieren und plötzlich auf ganz neue Pfade abzubiegen! So erging es dem Publikum, das beim Lucerne Klavier Fest 2023 Zeuge eines einzigartigen Austauschs zwischen der Pianistin Johanna Summer und Igor Levit wurde, welcher diese gemeinsame Begegnung im Anschluss zu seinen „künstlerisch erfüllendsten Momente der letzten Jahre“ zählte. Levit machte den Aufschlag und spielte das erste Stück des romantischen Zyklus im Original, Summer nahm den Faden der jeweiligen Miniatur auf und lieferte mit einer Improvisation über das Gehörte ein Paradebeispiel ihrer musikalischen Intuition. Nichts an diesem Abend war abgesprochen, der Dialog zwischen Schumanns Klassikern und Summers Variationen entstand frei und ganz aus dem Moment heraus.Für Johanna Summer, deren Zusammenarbeit mit Andreas Brandis als Produzenten bereits die vielbeachteten Alben Resonanzen und Cameo hervorgebracht hatte, wurde dieses Konzert in Luzern zum Anstoß für das neue Album Dialoge. Das Setting: Vier Duos zusammen mit den Pianist*innen Claire Huangci, Kit Armstrong, Danae Dörken und Igor Levit, jeweils an zwei Flügeln. Das Ziel: ein freier Austausch zwischen Tradition und Gegenwart, Komposition und Improvisation. Hinsichtlich des Repertoires sollten sich Summers Studiogäste die größtmögliche Freiheit nehmen, wie die Pianistin erklärt: „Ich bat sie, Stücke mitzubringen, mit denen sie sich identifizieren können. Und es sollte in Ordnung sein, wenn ich dann noch etwas hinzufüge.“ Johanna Summer wusste bis zum ersten gespielten Ton nicht, für welche Werke sich ihre Gegenüber entschieden hatten. Um der Musik gegenüber völlig unvoreingenommen zu sein, verließ sie sogar den Raum, wenn sich ihre Kolleg*innen vor der Aufnahme einspielten. Aus diesem Überraschungsmoment heraus ergibt sich die enorm risikofreudige, dynamische Wirkung, die „Dialoge“ beim Hören hinterlässt. Besonders reizvoll war es für Summer, in die sehr persönliche Musikauswahl ihrer Duopartner*innen einzutauchen. Sie erläutert: „Danae wählte als Halbgriechin einen griechischen Schwerpunkt, mit Kompositionen von Manolis Kalomiris oder Mikis Theodorakis. Das Prelude von Zhou Tian wurde direkt für Claire geschrieben, die beiden kennen sich seit Studienzeiten. Igor hat mit dem ‚Andantino de Clara‘ wiederum ein Stück aus der Feder von Robert Schumann mitgebracht – das passte nach unserer gemeinsamen Vorgeschichte natürlich hervorragend. Und Kit hat bereicherte auf unkonventionelle Weise das Programm mit spontanen Zitaten aus seinem Repertoire – von der Renaissance bis in die Wiener Klassik.“Das improvisatorische Weiter-Erzählen klassischer und zeitgenössischer Werke ist weitaus weniger üblich als das freie Spiel über Jazz- oder Pop-Standards. Mancherorts sorgt Summers ungewöhnliche Spielhaltung für Irritationen. So befand ein arrivierter Klassik-Kritiker nach umjubeltem Auftritt der Pianistin beim Lucerne Klavier Fest, diese Art von Umgang mit der Klaviertradition „passe in unsere fake-verliebte Gegenwart, in der zwischen Original und Fälschung immer weniger unterschieden wird.“ Fragt man Johanna Summer selbst nach dem Wie und Warum, wird schnell klar, dass es ihr nicht darum geht, der europäischen Klassik des Effekts wegen ein neues Gewand aufzuzwingen. Vielmehr geht es ihr um eine persönliche und zutiefst aufrichtige Sicht auf die musikalischen Vorlagen. „Mich interessiert am meisten: was will uns dieses Werk sagen? Welche Haltung, welche Energie steckt darin – und wie übersetze ich sie in mein persönliches Vokabular, das sich eben nicht nur aus der Klassik speist? Es geht darum, die Essenz des Stücks für sich selbst zu erkennen und eine Deutungsweise zu entwickeln. Im Prinzip macht jeder klassische Pianist mit seiner Interpretation nichts anderes. Die schönsten Momente sind die, in denen man unerwartet ein kleines Juwel entdeckt, sei es eine hübsche Phrase oder eine ungewöhnliche Akkordkombination, und erstmal wie verzaubert ist. Das erinnert mich an das Gefühl, dass, wenn ich als Kind einen Schrank aufräumte, ich manchmal ein längst vergessenes Spielzeug darin wiederfand. Und plötzlich entfaltet sich daraus ein ganzer Kosmos an Kreativität.“Ist das nun Klassik? Oder Jazz? Und ist das überhaupt wichtig? Johanna Summer empfindet sich eher nicht als „Jazzpianistin“. Am besten einfach: Pianistin. Klavier-Ikone Joachim Kühn, selbst ein großer Brückenbauer zwischen Genres und Epochen, nennt das, was Johanna Summer macht „Musik voller Phantasie und ohne Kategorie“. Ob solistisch improvisierend, im Duo mit klassischen Musiker*innen oder im Umfeld von Grenzgängern wie Malakoff Kowalski oder Chilly Gonzales – Johanna Summers musikalische Vorstellungskraft scheint keine Grenzen zu kennen. Jede Begegnung mit dem Instrument und anderen Künstler*innen ist ein neuer Aufbruch. Und Johanna Summer klingt dabei immer ganz nach sich selbst. CreditsRecorded 19.06. and 23.07.2025 at Emil Berliner StudiosRecorded by Lukas KowalskiMixed and mastered by Emanuel UchProduced by Andreas BrandisPhotos by Gregor Hohenberg, Ilan HamranCover art by Małgorzata Szymankiewicz, Untitled 390, 2025,acrylic on canvas, 100 × 90 cmUsed by kind permission of the artist and
Mahan Mirarab: Unspoken
CD / Vinyl (LP, 180g) / digital
Mahan Mirarab guitar, fretless guitar, oud
Kian Soltani cello featured on #9,11, 5 Lars Danielsson bass featured on #7, 3 Golnar Shahyar vocals featured #8Unspoken, das ACT-Debüt des aus dem Iran stammenden, in Wien lebenden Gitarristen Mahan Mirarab, öffnet eine ganze Welt voller tief empfundener Geschichten zwischen Ost und West, Dunkelheit und Schönheit, Trauer und Freude. Und es offenbart einen zutiefst menschlichen, innigen, sensiblen Blick auf eine Zeit voller Spannungen und Widersprüche. Solo an der Doppelhalsgitarre sowie auf einigen Stücken zusammen mit Kian Soltani (Cello), Lars Danielsson (Kontrabass) und Golnar Shahyar (Gesang) zeichnet Mirarab auch seine persönliche musikalische Reise nach: Jazz verbindet sich mit Einflüssen klassischer und folkloristischer Musik aus dem Iran, mit europäischer Kammermusik und liedhaften Elementen.Geboren wurde Mahan Mirarab in Teheran. Dort lernte er zunächst Klavier und Gitarre, mit 14 Jahren spielte er Bass in einer Pink-Floyd-Coverband. Durch die Teheraner Underground-Szene kam Mahan Mirarab intensiver mit westlicher Musik wie Jazz und Progressive Rock in Berührung. Die Ressourcen dafür waren damals sehr begrenzt, Aufnahmen gab es vor allem in Form von auf dem Schwarzmarkt gehandelten Kassetten. Über diese entdeckte Mahan Mirarab die Musik amerikanischer Jazzmusiker wie Bud Powell, Chick Corea oder George Benson. Er hörte deren Musik so oft, dass er bald jedes einzelne Solo mitsingen konnte und schließlich für die Gitarre transkribierte. Dies alles war ein beachtliches Risiko, wie sich Mahan Mirarab erinnert: „Musikkassetten zu besitzen war strafbar. Ich hatte einen Freund, der wegen eines kopierten Jazz-Tapes im Gefängnis landete.“ Doch die Neugier auf die unbekannte Musik war stärker. Unter anderem spielte Mahan Mirarab in einer Weather-Report-Coverband, die vor allem in Botschaften auftrat. Der österreichische Botschafter in Teheran war großer Joe-Zawinul-Fan und half Mahan Mirarab, der sich längst entschlossen hatte, die (Musik-)Welt jenseits seines Heimatlands zu entdecken, bei der Ausreise. So verschlug es Mirarab im Jahr 2009 nach Wien, wo er bis heute lebt. Dort entschied sich Mahan Mirarab, der zuvor im Iran Architektur studiert hatte, gegen ein Musikstudium. Er wollte lieber die Szene kennenlernen, eigene Projekte starten und vor allem die Musik spielen, die ihm persönlich entsprach, fern von institutionellen Strukturen. 2009 nahm er sein erstes Trio-Album auf, das sich mit einer persischen Perspektive auf Jazz beschäftigte. Dadurch fand er langsam Zugang zur Szene, spielte Konzerte in lokalen Jazzclubs sowie kleineren Festivals und knüpfte wichtige Kontakte. Erste internationale Erfahrungen folgten und schließlich wurde ein gemeinsames Projekt mit seiner Frau, der Sängerin Golnar Shahyar, zu einem internationalen Erfolg, mit Konzerten weltweit und wachsender Aufmerksamkeit. Gleichzeitig verstärkte sich für Mahan Mirarab das Gefühl, sich nur behaupten zu können, wenn er stets alle Facetten seines Könnens als Musiker und Komponist unter Beweis stellte. Dieser Anspruch entstand eher unbewusst und war stark von seinem Umfeld geprägt – als eine Art Überlebensstrategie, die ihn dazu brachte, sich ständig zu perfektionieren.Als ACT-Chef und Produzent Andreas Brandis auf Mahan Mirarab aufmerksam wurde, schickte dieser dann auch gleich einen ganzen Berg an unterschiedlichstem Material an das Label. Doch es war eine kleine Solo-Skizze, bei der es Klick machte: „Unter den Stücken, die ich geschickt hatte, war auch ‚first idea‘“, erinnert sich Mahan Mirarab, „und Andreas Brandis und Michael Gottfried von ACT sagten ziemlich schnell: Das ist es, lass uns hier tiefer eintauchen und ein ganzes Soloalbum zusammen produzieren. Ich empfand das als sehr befreiend, wie eine Erlaubnis, nicht immer alles zeigen zu müssen, zu dem ich in der Lage bin, sondern einfach nur ich selbst sein zu dürfen.“ Mahan Mirarab und Andreas Brandis trafen sich mehrmals persönlich, auch einmal in Paris, telefonierten und besprachen eine Menge Solo-Ideen, die schließlich die Basis für das Album Unspoken bildeten.In diesem gemeinsamen Prozess entstand auch die Idee, für einige Stücke des Albums Gäste einzuladen: Der klassische Cellist Kian Soltani stammt ebenfalls aus dem Iran, und Mahan Mirarab beschreibt weitere wichtige Gemeinsamkeiten: „Kian ist ein perfekter klassischer Cellist, aber er kann auch wirklich gut improvisieren. Und er ist ein toller Komponist. Ich habe Cello-Linien für ihn geschrieben, und er hat diese komplett neu arrangiert und generell viel Kreativität mitgebracht.“ Mit Bassist Lars Danielsson ist Mahan Mirarab schon lange vertraut, nur getroffen haben sich die beiden erst jetzt. „Lars kenne ich seit meiner Zeit im Iran, ich meine von einer Aufnahme mit John Abercrombie. Später habe ich viele seiner Kompositionen gelernt, einfach für mich selbst, weil ich sie so gut fand. Sowohl in seinen Kompositionen wie auch in seinen Improvisationen hat Lars dieses unglaubliche Bewusstsein für Dynamik, Harmonie und Raum in der Musik. Mir war es wichtig, ihn auch als Mensch kennenzulernen. Deshalb bin ich extra nach Göteborg geflogen, um unbedingt mit ihm in einem Raum aufzunehmen. Obwohl es dort genug Platz gab, saßen wir sehr nah beieinander – was unser gemeinsames Spiel besonders intensiv und unmittelbar gemacht hat.“ Die Beziehung zu der Sängerin Golnar Shahyar könnte nicht enger sein, schließlich sind sie und Mahan Mirarab auch privat ein Paar. Nachdem beide seit 2011 viel zusammen auf der Bühne und im Studio standen, haben sie sich in den letzten Jahren stärker auf ihre eigenen Projekte konzentriert. Aber es bleibt eine besondere Verbindung, die man hören kann, geprägt von großem Können und tiefer Vertrautheit und Emotionalität.
Überhaupt gibt es nicht die Spur eines Zweifels: Unspoken ist persönlich. So erzählen die Stücke „Banoo“ und „A Way to Mourn“ von Mahan Mirarabs Großmutter, die während der Zeit der Aufnahmen starb. Im Stück „Jina“ trifft das Persönliche auf das Kollektive: Im Kurdischen bedeutet der Titel „Leben“ und ist untrennbar mit der jungen Frau Jina Mahsa Amini verbunden, deren Tod in Gewahrsam der iranischen Sittenpolizei im Jahr 2022 eine landesweite Protestbewegung auslöste. Es waren Ereignisse, die Mahan Mirarab tief verändert haben. Lange Zeit war er nicht in der Lage, darüber zu schreiben, erst Unspoken gab ihm den Mut dazu. „Sparkling“ ist Mahan Mirarabs Lieblingsstück aus der Feder seiner Ehefrau Golnar, und die Version von „In a Silent Way“ ist eine Referenz an Joe Zawinul, dessen Einfluss einst so viele Türen öffnete. Und auch das Instrument, mit dem Mahan Mirarab Unspoken eingespielt hat, ist eine persönliche Einzelanfertigung des türkischen Gitarrenbauers Ekrem Özkarpat: eine doppelhalsige Gitarre mit einem bundlosen und einem bündigen Griffbrett. Das Instrument steht fast schon metaphorisch für die zwei Welten, in denen sich Mahan Mirarab bewegt: die in Halbtöne strukturierte westliche Welt und die mikrotonale seiner Heimat.Fragt man Mahan Mirarab, wie er die aktuelle Lage im Iran empfindet und wie sich diese in seiner Musik widerspiegelt, muss er lange überlegen. „Es ist schwer, aus der Distanz mitzuerleben, was gerade passiert. Ich habe 25 Jahre im Iran gelebt, habe unglaublich viele Erinnerungen, und meine Eltern und viele Freunde leben noch dort. Das fühlt sich sehr melancholisch an. Aber mein Bezug zu meinem Herkunftsland ist kein nationaler. Am Ende spielt es keine Rolle, wo sich Kriege und Konflikte abspielen – es geht immer um Menschen, die überall auf der Welt gleich fühlen. Ich denke, es ist wichtig, aufmerksam, sensibel und empathisch zu bleiben, irgendwie zu reflektieren, was um uns herum geschieht.“ Diese menschliche Reflektion der Welt in all ihren widersprüchlichen Facetten ist es, was Unspoken so einzigartig und berührend macht.CreditsMusic composed & arranged by Mahan Mirarab, except 6 (traditional folklore
music from Mazandaran, North of Iran), 12 (Joe Zawinul), 8 (Golnar Shahyar),
10 (Andrey Babayev); cello lines in 5 and 11 arranged by Mahan Mirarab &
Kian SoltaniProduced by Mahan Mirarab & Andreas BrandisA Way to Mourn & Lars in Isfahan recorded on December 4 at Tia Dia Studios,
Mölnlycke, Sweden, by Åke LintonChoopan 42, Sparkling Dark Gaze, Weißensee, Jina recorded on January 12
at Westbahnstudios, Vienna, by Farhad KhanbilverdiSolo tracks recorded on December 14 & 28 at Creative Cluster, Vienna, by
Mahan MirarabMixed by Christoph BurgstallerMastered by Klaus ScheuermannPhoto by Victoria NazarovaMahan performs on guitars built by Ekrem ÖzkarpatKian Soltani appears courtesy of Deutsche Grammophon Gesellschaft
Lars Danielsson: Echomyr
CD / Vinyl (LP, 180g) / digital
Lars Danielsson double bass, cello, gimbri (#10), piano (#10), electric guitar (#6)
Gregory Privat pianoJohn Parricelli guitar
Magnus Öström drums & percussionGuests:
Arve Henriksen trumpet on #3, 7Magnus Lindgren flute & alto flute on #6Carolina Grinne English horn on #8
Echomyr, der Titel des fünften Albums der „Liberetto“-Reihe des schwedischen Kontrabass- und Cellomeisters sowie Komponisten Lars Danielsson, steht für Musik aus dem tiefsten Inneren. „Der Albumtitel ist eine Eigenkreation,“ sagt Danielsson. „Echo beschreibt ein weites Feld von Klang, myr ist ein altes nordisches Wort für ‚Moor‘. Klang aus den Tiefen der Erde, aus dem tiefsten Inneren. Gerade jetzt stellen wir uns die Frage, was uns menschlich und unverwechselbar macht. Danach habe ich mein ganzes Leben lang als Musiker gesucht: nicht einfach etwas zu kopieren, das es schon gibt, sondern etwas zu finden, das aus dem eigenen Herzen und aus einem selbst kommt.“Mit Echomyr führt Lars Danielsson seinen ganz eigenen musikalischen Weg konsequent fort. Er verbindet die Freiheit, Harmonik und rhythmische Intensität des Jazz mit der Klangkultur seiner klassischen Wurzeln sowie der melodischen Eingängigkeit populärer und folkloristischer Lieder. Danielssons Kompositionen erkennt man sofort. Er ist ein Meister der Melodie und besitzt die Fähigkeit, Komplexes stets einfach und natürlich klingen zu lassen. Früher, erzählt Danielsson, der mit Rock’n’Roll und Free Jazz aufwuchs, habe er oft kompliziert komponiert, um sich hinter dieser Komplexität zu verstecken. Heute sucht er das Gegenteil: Klarheit. „Es ist nicht schwierig, komplizierte Musik zu schreiben. Aber Musik zu schreiben, die Menschen verstehen und die dennoch Persönlichkeit und Tiefe besitzt – das ist eine echte Herausforderung, die ich immer wieder annehme.“
Es ist genau diese Balance aus Tiefgang und Leichtigkeit, die Danielssons Musik so besonders macht – und auf Echomyr erreicht sie eine neue Evolutionsstufe. Für Danielsson sind Kontinuität und Weiterentwicklung wertvoller als die ständige Suche nach spektakulären Konzepten. Mit dem Kern seines „Liberetto“-Quartetts – e.s.t.-Drummer Magnus Öström und dem renommierten britischen Gitarristen John Parricelli – arbeitet er seit über 15 Jahren zusammen. Die Klavierposition hatte zunächst Tigran Hamasyan inne; seit 2017 ist Gregory Privat fester Pianist der Band – mit einer idealen Mischung aus Virtuosität und stets songdienlichem Spiel. Dazu kommen drei Solist*innen, die alle eine große Gesanglichkeit an ihren Instrumenten gemein haben und die Stücke des Albums um ihre „Stimmen“ erweitern: Trompeter Arve Henriksen, Flötist Magnus Lindgren und Carolina Grinne am English Horn.
Beim Komponieren denke er weder an Markt noch an Erfolg, sagt Danielsson. Mit der Zeit sammle sich genügend Material an; dann arbeite er – oft gemeinsam mit seiner Frau und musikalischen Partnerin Cæcilie Norbe und engen Vertrauten seines Labels ACT – an der Dramaturgie, aus der ein Album entsteht, das Menschen berühren kann. Doch selbst dann gehe es ihm nicht darum, zu gefallen, sondern um einen ehrlichen, tief empfundenen Ausdruck. So entstand „Something She Said“, das letzte Stück auf Echomyr, unter dem Eindruck von Nachrichtenbildern aus aktuellen Kriegsgebieten wie Gaza oder der Ukraine. Danielsson reagiert nicht mit Lautstärke oder Wut, sondern mit Nachdenklichkeit und Mitgefühl. Ein Echo aus dem Inneren – ehrlich, klar und zeitlos.CreditsMusic composed by Lars Danielsson
Horn arrangement on #3 by Arve Henriksen
Recorded April 6-9 and Oct 28-31, 2025
Recorded and mixed by Bo Savik at Tia Dia Studios, Mölnlycke, Sweden
Mastered by Klaus Scheuermann
Piano tuning by Bengt Eriksson
Photo by Peter PousardProduced by Cæcilie Norby, Magnus Öström & Lars DanielssonCover art Peter Krüll, used by kind permission of the artist
Design by Siggi Loch
SHALOSH: What We Are Made OfCD /
Vinyl (LP, 180g)
/ digital Gadi Stern pianoDavid Michaeli double bassMatan Assayag drums
Mit SHALOSH war von Anfang an klar, dass wir uns niemals auf ein einziges Genre festlegen, sondern unsere Musik so offen wie möglich halten wollen“, sagt Schlagzeuger Matan Assayag. „Das ist der beste Weg, um uns als Menschen und Musiker vollständig einzubringen – und die einzige Möglichkeit, wirklich authentisch zu bleiben.“ In den mehr als zehn Jahren seit seiner Gründung hat das Trio genau diesen frei atmenden, energiegeladenen und tief empfundenen Stilmix zu seinem Markenzeichen gemacht: Jazz und Improvisation treffen hier auf Rock, arabische Musik, westliche Klassik und Pop. Musik ohne Grenzen, mitreißend und ansteckend – inzwischen mit Fans auf der ganzen Welt. What We Are Made Of, das vierte Album für ACT, macht die Summe aller Einflüsse, die SHALOSH prägen, eindrucksvoll hörbar. Mit verblüffend fantasievollen Bearbeitungen der 90er-Euro-Pop-Hymne Barbie Girl, Oasis’ Don’t Look Back in Anger, Natalie Imbruglias Hit-Ballade Torn, Muses heftig rockendem Hysteria und seinen vielschichtigen Originalkompositionen ist es das bislang offenste Album der Band. Zugleich ist es das erste Album, für das SHALOSH mit einem Produzenten gearbeitet haben: ACT-Chef Andreas Brandis.„Wir sind ein Piano-Trio in einer Welt voller Piano-Trios – und mit bereits sechs Alben im Rücken wollten wir sicherstellen, dass wir uns weiterhin aus unserer Komfortzone herausbewegen“, sagt Pianist Gadi Stern. „Das führte dazu, dass wir versucht haben, eine Menge fremder Kompositionen aus allen möglichen Richtungen neu zu denken. Und es bedeutete auch, dass wir mit Andreas, den wir seit Jahren kennen und schätzen, eine neue Perspektive dazu genommen haben. Er hat uns in unserem Ansatz, ganz neue Dinge auszuprobieren sehr bestärkt und während einer Woche intensiver Proben, im Studio und auch im Nachgang enorm unterstützt – und das Ergebnis ist außerordentlich kreativ geworden.“Die neun finalen Stücke des Albums sind das Destillat aus einem Vielfachen an Eigenkompositionen und Covers. Gadi Stern beschreibt seinen Prozess im Umgang mit bekannten Vorlagen: „Wenn ich mich einem bekannten Song nähere, suche ich immer nach etwas, das mir persönlich fehlt, obwohl es in der Komposition eigentlich angelegt ist. Barbie Girl beispielsweise ist ein brillant sarkastischer Song mit großartigem Text: in Moll, mit einem melancholischen melodischen Kern – aber die Produktion ist eben 90er-Euro-Pop. Ich habe alle Elemente auseinandergenommen, um zu sehen, wie wir sie wieder zusammensetzen können, sodass es dem aus meiner Sicht ziemlich tragischen Wesen der Nummer gerechter wird. Die Version von Don’t Look Back in Anger entstand während eines Spaziergangs auf einer Reise. Plötzlich hatte ich den Groove im Kopf und habe ihn auf dem Handy aufgenommen, das Ganze hat nur 15 Minuten gedauert.“ Andere Stücke brauchten länger, um zu reifen – etwa die Version von Torn. „Wir hatten sie 2018 für ein Album aufgenommen, aber sie hat es nicht auf die Platte geschafft, weil sie zwölf Minuten lang und völlig chaotisch war“, sagt Bassist David Michaeli. „Wir haben sie Andreas während der Berlin-Sessions vorgespielt – und er war großartig darin, uns zu sagen, was wir streichen und was wir behalten sollten. Plötzlich ergab alles Sinn.“ Auch die eigenen Kompositionen des Trios spannen weite Bögen. Sie reichen vom bitter-süßen, entschleunigten Ella Plays, inspiriert von Sterns Tochter, über das dunkle, vom libanesisch-US-amerikanischen Dichter Khalil Gibran beeinflusste Point of Gravity bis zu den meditativen Harmonien von Circle.„Letztlich ist die Band ein geschützter Raum für uns drei, in dem wir uns frei ausdrücken können“, sagt Assayag. „Wir akzeptieren einander, und all unsere Songs sind eine kollektive Arbeit – genau das hört man auch in der fertigen Musik: die Vielfalt an Einflüssen und Erfahrungen, die uns ausmacht. Deshalb haben wir das Album ‚What We Are Made Of‘ genannt.“ SHALOSH zelebrieren die Freiheit, die Schönheit der Kontraste, den Wert des Aufeinander-Hörens, den zutiefst menschlichen Prozess des Kreativen Suchens und Findens – Qualitäten, die gerade jetzt besonders wichtig scheinen.
CreditsRecorded September 10–11, 2025Recorded by Klaus ScheuermannMixed and mastered by Klaus ScheuermannProduced by Andreas BrandisCover art by Ross Bleckner, used by kind permission of the artistDesign by Siggi Loch
Peter Somuah: Walking Distance
CD / Vinyl (LP, 180g) / digital
Peter Somuah trumpet, flugelhorn Anton de Bruin rhodes, organ, keys Jens Meijer drumsMarijn van de Ven bassDanny Rombout percussion Heleen Vellekoop flute on #2Nia Ralinova cello on #2, 3
Spätestens seit der Veröffentlichung seines ACT-Debüts Letter to the Universe (2023) und dem Nachfolger Highlife (2024) hat sich der aus Ghana stammende und aktuell in Rotterdam lebende Trompeter Peter Somuah als Brückenbauer zwischen Kulturen und Kontinenten etabliert. “Jazz als Weltsprache.”, nennt es die Süddeutsche Zeitung. Für Peter Somuah sind musikalische Einflüsse geografisch weit auseinander liegender Kulturen immer nur einen Schritt weit voneinander entfernt. Darum, und um die integrative Kraft dieser Idee, geht es in seinem neuen Album Walking Distance.Alles auf dem Album dreht sich um das Erforschen von Gemeinsamkeiten. Walking Distance ist eine Reise durch unterschiedlichste Genres, die trotz ihrer Verschiedenheit tief miteinander verbunden sind. Peter Somuah vereint Elemente des Post-Bop-Jazz mit arabischer Musik, lateinamerikanische Grooves, Blues, und Funk verschmelzen mit Einflüssen aus Ghana. So entsteht eine hörbare Repräsentation von Somuah’s Überzeugung, dass all diese Kulturen und Einflüsse buchstäblich nur einen Spaziergang voneiander entfernt sind.
Mithilfe dieser breit gefächerten Einflüsse erzählen die Stücke des Albums von alltäglichen Erfahrungen: vom Unterwegssein im Trubel des Lebens, vom Losgehen und Ankommen, von universellen Handlungen, die alle Menschen verbinden. Dieses „Erzählen“ erweist sich auf Walking Distance – wie bereits auf den Vorgängeralben – als eine der großen Stärken Peter Somuahs. Mit mal strahlendem, mal brüchigem Ton nimmt er die Hörer*innen mit auf seinen ganz persönlichen Weg: aus Ghanas Hauptstadt Accra mit ihrer vitalen Highlife-Szene über Stationen in Asien bis nach Europa.
Getragen wird die Musik von den luftigen Grooves von Somuahs multinationaler Band, die er in Rotterdam zusammengestellt hat. Auch sie verkörpert die Offenheit ihres Leaders: den Glauben daran, dass alle Musiker*innen – unabhängig von ihrer Herkunft – in der Lage sind, jede Musik der Welt zu spielen, wenn sie deren Vokabular und Geschichte aufmerksam und respektvoll durchdringen.
Peter Somuah erläutert: „Ich möchte, dass sich die Hörerinnen und Hörer zugleich geerdet und inspiriert fühlen, sich durch die Musik wieder mit sich selbst und der Welt um sie herum verbinden. Walking Distance steht für meine Suche zwischen Tradition und Innovation. Es ist die Geschichte einer Erkundung der Räume zwischen den Welten, dem Finden von Gemeinsamkeiten in der Vielfalt und davon, Musik als Brücke zu nutzen, um uns alle einander wieder ein Stück näherzubringen.“ Die Art, auf die der 29-Jährige dies tut, ist ein Spiegel seiner Persönlichkeit: Souverän, gelassen, aufrichtig, furchtlos - und immer mit einem Lächeln.
CreditsRecorded between 25 and 27 August 2025 at The Womb Studios, The Hague, NetherlandsRecorded by Tijmen van WageningenMixed by Anton de BruinMastered by Stuart HawkesProduced by Peter Somuah, Anton de BruinComposed by Peter Somuah
Marius Neset & Bergen Big Band: Time to LiveCD / digital Marius Neset tenor & soprano saxophonesAnton Eger drums & percussionBergen Big Band
Der Norweger Marius Neset ist einer der virtuosesten und komplexesten Saxofonisten unserer Zeit - und ein meisterhafter Komponist und Arrangeur für große Ensembles vom Orchester bis zur Bigband. Sein Album Time to Live zusammen mit der Bergen Big Band und Schlagzeuger Anton Eger spiegelt eine Idee wider, die sich konsequent durch Neset's Werk zieht: Musik als Quelle von Kraft und Zuversicht in dunklen Zeiten. CreditsRecorded by Elaine Maltezos at Lungegårdens Kulturarena, Bergen, Norway, June 2022
Recording Assistant: Mathias Røyrvik
Recording Producer: Martin Winter
Mixed by August Wanngren at Virkeligheden
Mastered by Sofia von Hage and Thomas Eberger at Stockholm Mastering
Additional keyboards on #1, 2, 4 and 7: Morten Schantz
Editing: Elaine Maltezos and Michael Barnes
Artist photos by Helge Hansen, band photo by Stein Hødnebø
Design by Jonas BoströmProduced by Marius Neset & Anton Eger
All music composed and arranged by Marius Neset
Cover photo by Helge Hansen
Mammal Hands: Circadia
CD / Vinyl (LP, 180g) / Limited transparent vinyl (LP, 180g) / digital
Nick Smart pianoJordan Smart saxophoneRob Turner drums
Mammal Hands stehen an der Spitze einer neuen Generation britischer Musiker*innen, für die Jazz vor allem Ausgangspunkt für einen neuen, eigenen Ausdruck ist. Das Trio rund um die Brüder Nick Smart (Piano) und Jordan Smart (Saxofon) verbindet zeitgenössischen europäischen Jazz mit von Rock und Electronica geprägten Rhythmen sowie cineastischen Klanglandschaften – und erreicht damit ein internationales Publikum weit über Genregrenzen hinaus.Das sechste Album Circadia markiert in mehrerer Hinsicht einen Wendepunkt: Es ist die erste Veröffentlichung der Band auf ACT was, wie die Musiker selbst sagen, eine neue Dimension von Sichtbarkeit und künstlerischer Freiheit eröffnet. Und es ist das erste Album mit neuem Schlagzeuger – Rob Turner, dem langjährigen Motor der britischen Jazz-Erfolgsgeschichte GoGo Penguin. Der Wechsel in der Besetzung war Anstoß für Nick und Jordan Smart, den Kern der Band neu zu definieren. „Wir kennen Rob seit über einem Jahrzehnt“, sagt Nick. „Wir stammen aus derselben Szene und teilen musikalische Instinkte. Mit ihm konnten wir die Seele unserer Musik neu freilegen und weiterentwickeln.“ Nach einer gemeinsamen Tour reifte die Entscheidung, ein Album aufzunehmen. „Wir haben unterwegs viel gesprochen – über Musik und über das Leben“, sagt Jordan. „Die neuen Stücke entstanden aus offenen Skizzen und basierten auf unseren Grundprinzipien: Improvisation, Intensität im Moment und ein starkes gemeinsames Timing.“ Nach der Tour zog sich das Trio für Probesessions in das Briggs Building im Osten Londons zurück. Dort entwickelten sie ihren seit dem Debüt Animalia (2012) charakteristischen, melodisch-hypnotischen Sound weiter und luden ihn mit neuer Energie auf. „Jordan und ich kommen stark aus der elektronischen Musik, Rob eher aus einer offenen, fast spirituellen Improvisationshaltung“, so Nick. „Die Arbeit war geprägt von Gleichberechtigung, Empathie und dem Erzählen von Geschichten.“Das Ergebnis sind die neun eindringlichen Stücke von Circadia: vom melodisch-dichten Opener „Window To Your World“ über die fließenden Harmonien von „Paper Boats“ und das spannungsgeladene von „Alia’s Abandon“ bis zum dunklen „Submerge“. Das Album schlägt eine Brücke zurück zum vertrauten Mammal-Hands-Sound und öffnet zugleich neue klangliche Räume. „Nicks Synth-Bass und Robs Schlagzeug haben eine neue rhythmische Basis geschaffen, die das ganze Album trägt“, sagt Jordan. „Wir fühlten uns frei, Grenzen zu verschieben und stärker mit elektronischen, beat-orientierten Texturen zu arbeiten – als würden all unsere bisherigen Erfahrungen in Mammal Hands zusammenfinden.“Diese zyklische Entwicklung, die dem Album seinen Titel gibt, spiegelt sich auch im Labelwechsel von Gondwana Records zu ACT wider. „Das Esbjörn Svensson Trio war ein großer Einfluss für mich“, sagt Rob. „Bei ACT zu veröffentlichen fühlt sich wie Heimkommen und Neuanfang zugleich an.“ Auch für Nick und Jordan bedeutet der Wechsel kreative Freiheit: „Es gab keine Vorgaben, keinen Ballast“, so Jordan. „Es ist wie ein offener Raum – für uns und für die Zuhörer*innen.“
Frei fließend und zugleich geerdet: Circadia markiert den Beginn eines neuen Kapitels in der Geschichte von Mammal Hands.
CreditsRecorded March 20th to March 24th 2025 at Giant Wafer Studios, WalesRecorded by Ben CappMixed by Ben Capp Mastered by Shawn JosephComposed by Mammal HandsProduced by Mammal Hands and Ben CappCover Art by Cecily Eno
Nils Landgren: Love of My Life
CD / Double vinyl (2xLP, 180g) / limited red transparent double vinyl (2xLP, 180g) / digital
Nils Landgren vocals, tromboneThe Swedish Radio Symphony OrchestraUlf Forsberg concertmasterJoel Lyssarides pianoLars Danielsson bassRobert Ikiz drumsIda Sand vocals on #1, 4, 9, 10, 11, piano on #4
Wenn man rund um seinen 70. Geburtstag am 15.2.2026 über Nils Landgren spricht, tut man sich schwer, nur eine Eigenschaft hervorzuheben – es braucht schon den Versuch einer Aufzählung: Einer der erfolgreichsten europäischen Jazzmusiker der letzten Jahrzehnte. Posaunist, Sänger, Festivalleiter, Mentor, Förderer, Brückenbauer. Träger des Bundesverdienstkreuzes, des Sir George Martin Music Awards und der höchsten Orden für Kunst und Kultur des schwedischen Königshauses. Unermüdlicher Arbeiter mit zu Spitzenzeiten 150 – 200 Konzerten pro Jahr. Und, vielleicht am wichtigsten: überzeugter Optimist, Herzensmensch. Alles, was Nils Landgren macht, hat irgendwie mit Liebe zu tun: zur Musik, zu seinem Instrument, der roten Posaune, zu den Menschen auf und vor der Bühne. Und zu seiner Frau, der Schauspielerin Beatrice Järås, mit der er seit 48 Jahren verheiratet ist. Und so gibt es für sein neues Album auch keinen treffenderen Titel als „Love of My Life“.»Als ich jung war, wollte ich Popstar werden, aber mit Posaune. Alle sagten mir: Vergiss es und setz dich wieder hinten ins Orchester. Aber ich wollte das nicht akzeptieren.«Eingespielt mit einer Band enger Freunde, dem Swedish Radio Symphony Orchestra und opulent arrangiert vom siebenfachen Grammy-Gewinner Vince Mendoza, spannt Nils Landgrens neues Album einen weiten Bogen: Von anrührenden Eigenkompositionen über Songs von Cat Stevens, Leonard Bernstein, Kurt Weill, Herbie Hancock und Weggefährt*innen wie Joe Sample oder Ida Sand. Das breit gefächerte Repertoire steht für die integrative Kraft des Menschen und Musikers Nils Landgren.»Das Allerwichtigste in der Musik ist für mich: Keine Schubladen. Lieber ein bisschen zusammen forschen und neue Dinge ausprobieren.«Wie so oft bei Nils Landgren, ist auch „Love of My Life“ eine musikalische Familienangelegenheit: Es begleiten ihn Schwedens Piano-Shooting-Star Joel Lyssarides, Kontrabass-Meister Lars Danielsson, Schlagzeuger Robert Ikiz – auch festes Mitglied der Nils Landgren Funk Unit – und Sängerin und langjährige Weggefährtin Ida Sand. Für Nils Landgren geht so ein Lebenstraum in Erfüllung. In den Liner Notes zum Album schreibt er: “Im Grunde bin ich immer noch der Junge aus dem kleinen schwedischen Stahlarbeiter-Ort Degerfors. Dass ich eingeladen wurde um Musik mit einem ganzen Symphonieorchester und einigen meiner besten Freund*innen zu spielen, kann ich immer noch nicht so ganz glauben.“ Wenn man Nils Landgren kennt oder live erlebt hat, weiß man: Diese Aussage ist keine falsche, sondern echte Bescheidenheit. Und auch wenn er in den größten Konzerthäusern und auf Festivals vor tausenden von Menschen spielt, bleibt er immer nahbar und ganz er selbst.»Viele Menschen sagen, ich sei bodenständig. Wenn man bekannt wird, kann das ja auch total schiefgehen… Mein Vater hat mir gesagt: Erheb dich nicht über andere. Bleib auf dem Teppich. Das ist eine sehr schwedische, nordische Haltung – du sollst nie glauben, dass du besser bist als andere.«
Nils Landgren auf oder abseits der Bühne, das ist genau dieselbe Person. Er nimmt er sich nach jedem Konzert die Zeit, mit jedem einzelnen Besucher und jeder Besucherin, zu reden, einander zu umarmen, Fotos zu machen, Alben zu signieren, manchmal stundenlang. Er sagt: „Mein Antrieb ist das Treffen mit dem Publikum. Davon bekommt man wahnsinnig viel Energie.“ Deshalb habe er auch keine Hobbys. Wenn er mal zu Hause ist, im kleinen südschwedischen Dorf Skillinge, direkt am Meer, dann verbringt er am liebsten Zeit mit seiner Frau Bea und übt Posaune in einem eigens dafür eingerichteten Holzhäuschen, in dem auch seine zahllosen Preise stehen, schwimmt in der Ostsee, auch gerne bei Temperaturen unter zehn Grad.»Ich brauche kein Bungee-Jumping oder Extremsport – jedes Mal, wenn ich auf die Bühne gehe, ist das wie Freeclimbing. Das reicht mir völlig.«Und so dürften sich auch die Nils70 Geburtstagskonzerte wie Familienfeiern anfühlen: Zum Auftakt, am 14.2. in der Hamburger Elbphilharmonie mit Band, den Symphonikern Hamburg und dem Programm von „Love Of My Life“ und dann am 5. Mai in der Berliner Philharmonie – zusammen mit engen Freund*innen wie Michael Wollny, Wolfgang Haffner, China Moses, Viktoria Tolstoy, Mitgliedern der Berliner Philharmoniker und vielen mehr. Und eigentlich ist das ganze Jahr 2026 Nils-Landgren-Jahr: Gemeinsam mit namhaften lokalen Orchestern wird Nils Landgren das Programm von „Love Of My Life“ in die schönsten Konzerthäuser ganz Deutschlands bringen.»Die Orchester treffe ich für Proben in der Regel einen Tag vor dem Konzert. Meistens nur ich und mein Trio – es dirigiert nicht mal jemand. Es geht wie immer im Jazz um Kommunikation. Ich hoffe, dass die Orchestermusiker*innen meine Ideen verstehen. Und wenn nicht, dann muss ich eben versuchen, sie zu überzeugen.«
Der Pianist Michael Wollny sagte einmal: „Mit Nils wird alles leicht.“ Es scheint, als gäbe es für Landgren – zumindest in der Musik – keine Probleme, keine Ängste, nur immer wieder neue Gelegenheiten, um aus dem Moment heraus etwas Schönes, vielleicht sogar etwas Magisches zu erschaffen. Dahinter steht ein tiefer Glaube an das Gute – nicht nur in der Musik, sondern auch in den Menschen. Und die Überzeugung von der Wirksamkeit des Einzelnen in einer Welt, in der man sich schnell verloren und machtlos fühlen kann. „Die Dinge positiv zu sehen, gibt so viel mehr Kraft, um weiterzumachen“, sagt Nils Landgren. „Und die Liebe, die man dadurch erfährt, kann man wieder weitergeben – und es kommt noch mehr zurück.
CreditsAll orchestra arrangements by Vince Mendoza – except Waiting (by Magnus Lindgren)Recorded live at Berwaldhallen, Stockholm — September 2024 & August 2025Recording engineer: Ulf ÖstlingFOH: Jan UgandProduced by Jan B. LarssonExecutive producers: Nils Landgren & Andreas BrandisPhotography: Nikola StankovicCover art by Martin NoelDesign by Siggi Loch
vision string quartet: in the fields
CD / Vinyl (LP, 180g) / digital
Florian Willeitner violinDaniel Stoll violinLeonard Disselhorst celloSander Stuart viola
Fünf Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung meldet sich das vision string quartet mit sreinem ACT-Debüt "in the fields" eindrucksvoll zurück. Das Album ist ein Manifest für die Vielseitigkeit des Streichquartetts und ein Statement für musikalische Neugier. Die Berliner Formation, bestehend aus Florian Willeitner (Violine), Daniel Stoll (Violine), Sander Stuart (Viola) und Leonard Disselhorst (Cello), hat sich in den letzten Jahren als „string quartet of the future“ (The Sydney Morning Herald) etabliert und ist bekannt für ihre Grenzgänge zwischen Klassik, Folk, Jazz und eigenen Kompositionen.
Für ACT ist die Zusammenarbeit mit dem Quartett eine Erweiterung der ohnehin großen musikalischen Bandbreite. ACT-Chef Andreas Brandis: „Meine Verbindung zu den visions begann mit den von mir geleiteten Concerto.21-Meisterklassen und setzte sich in einer engen Zusammenarbeit mit ihrem Geiger Florian Willeitner fort. In Zukunft wird ACT sich noch stärker für Verbindungen zwischen klassischer Musik, zeitgenössischer Musik und Improvisation öffnen – und das vision string quartet ist ein brillanter Vertreter dieses Ansatzes.“ Das vision string quartet agiert weniger wie ein klassisches Streichquartet, eher wie eine Band: Die vier Musiker spielen immer im Stehen, beherrschen ihr Repertoire auswendig und ohne Noten. „Das bedeutet für uns die maximale Freiheit und Lebendigkeit“, erklärt Florian Willeitner. Und auch sonst sind die visions offen für Neues: Konzerte im Dunkeln, genreübergreifende Kooperationen mit Künstler*innen wie Fatma Said, Gabriel Kahane oder Golnar Shahyar zeigen jeher die Vielseitigkeit des Quartetts.Der dramaturgische Bogen von „in the fields“ orientiert sich am fünfsätzigen 4. Streichquartett Béla Bartóks, das sich als roter Faden durch das Album zieht. „Von Bartóks Faszination für das Unbekannte haben wir uns anstecken lassen“, schreiben die Musiker in den Liner Notes. Dessen Sätze werden nicht nur klassisch interpretiert, sondern gemeinsam mit dem österreichischen Percussionisten Bernhard Schimpelsberger um eine „percussive dimension“ erweitert. Im gleichen Geiste erklingt auch das Eröffnungsstück des Albums, das bulgarische Volkslied „Kopanitsa“, das mit seinem rhythmischen Feuer im 11/8-Takt die Richtung vorgibt.Mit dem Streichquartett in F-Dur von Maurice Ravel bildet ein Evergreen des Quartettrepertoires eine klassische Inspirationsquelle. Florian Willeitner und Schwedens Piano-Shootingstar Joel Lyssarides öffnen mit „Ravel Reloaded“ das Tor zu einer neuen, postimpressionistischen Klangwelt. Zudem bringt Lyssarides mit seinem Arrangement von „Grimasch om morgonen“ des schwedisch-niederländischen Singer-Songwriters Cornelis Vreeswijk eine weitere, sehr persönliche Facette ein.
Gemeinsam mit Joel Lyssarides und dem aus dem Iran stammenden Gitarristen Mahan Mirarab hat das vision string quartet darüber hinaus mehrere Eigenkompositionen entwickelt und aufgenommen. „Lydian Rose“ feiert die Farbenpracht des lydischen Modus, „Raindance“ lässt gezupfte Melodien im Regen tanzen, „Convalescence“ entfesselt einen wilden Ritt zwischen poetischer Sanftheit und halsbrecherischem Drive, und das Folksong-hafte „Skymning“ bildet den sanften Schlusspunkt des Albums.
.
Es lohnt sich, „in the fields“ von Anfang bis Ende in der vorgesehenen Reihenfolge zu hören. Mit der Vielfalt des musikalischen Materials erzählen das vision string quartet eine wendungsreiche, immer wieder überraschende Geschichte und beweist einmal mehr, wie lebendig, neugierig und grenzenlos ein Streichquartett des 21. Jahrhunderts sein kann.
CreditsRecorded between 7–12 October 2024 and 29–30 October 2024 at Studio 1,BR Franken, NürnbergProduced by vision string quartetExecutive producer for BR: Beate SampsonRecording producer, engineer, editing, mixing: Christian JaegerRecording and editing technician: Tatjana SchewtschenkoPiano tuner: Theo KretzschmarMastered by Christoph Stickel, ViennaCover photo by Sander Stuart
Viktoria Tolstoy & Jacob Karlzon: Who We Are
CD / Vinyl (LP, 180g) / digital
Viktoria Tolstoy vocalsJacob Karlzon piano, keyboards, programming
Wenn zwei musikalische Weggefährten und Freunde nach fast drei Jahrzehnten Zusammenarbeit ein Album mit dem Titel Who We Are veröffentlichen, ist das mehr als ein Name – es ist ein Statement. Die Sängerin Viktoria Tolstoy und der Pianist und Keyboarder Jacob Karlzon legen mit diesem Album eine Art musikalisches Selbstporträt vor: die Summe aus gemeinsamen Erfahrungen, gegenseitigem Vertrauen und einer künstlerischen Sprache, die nur entstehen kann, wenn zwei Menschen über Jahre hinweg auf derselben Frequenz schwingen. Die gemeinsame Reise von Viktoria Tolstoy und Jacob Karlzon begann Mitte der 1990er-Jahre während einer UK-Tour Tolstoys. Seitdem haben sie immer wieder miteinander gespielt und sechs Alben aufgenommen, zuletzt: Letter To Herbie im Jahr 2011 – eine Verneigung vor dem gemeinsamen Idol Herbie Hancock – und A Moment of Now 2013 – ihre erste, vielbeachtete Duo-Einspielung.Durch die enge, jahrzehntelange Zusammenarbeit sind Viktoria Tolstoy und Jacob Karlzon heute an einem Punkt angekommen, an dem sie ihre Geschichte nicht mehr neu erfinden müssen – sie müssen sie nur erzählen. Tolstoy beschreibt das Zusammenspiel als eine Mischung aus Freiheit und Geborgenheit: „Was wir im Duo machen, ist wirklich anspruchsvoll – aber es fühlt sich leicht an. Jacob spricht meine Sprache komplett, wir folgen einander auf eine magische Art.“ Diese starke Verbindung macht es dem Duo möglich, im Studio wie auf der Bühne permanent Neues zu riskieren – ein entscheidender Teil dessen, wer sie sind. Karlzon erlebt diese Verbindung ähnlich: „Zwischen Viktoria und mir gibt es keine Trennung zwischen Solist und Begleiter, wir sind einfach zwei Seelenverwandte auf Augenhöhe.“ Diese enge Kommunikation ist das Fundament des Albums – und vielleicht die präziseste Antwort auf den Titel: Who We Are ist ein Zustand. Ein Einverständnis. Ein musikalisches Wir.
Ein zentrales Bild, das Karlzon formuliert, bringt diese Identität besonders klar zum Ausdruck: Die Songwriter, deren Stücke das Duo interpretiert – Billy Joel, Tori Amos, Thom Yorke –, singen und spielen oft gleichzeitig Klavier. „In gewisser Weise versuchen wir genau das – nur zu zweit. Zwei Menschen, ein musikalischer Organismus.“ Diese Vorstellung – ein zweistimmiger, aber gemeinsamer Ausdruck – zieht sich als roter Faden durch die Produktion. Who We Are klingt oft größer als ein Duo, weil Tolstoys soul-getränkter Jazzgesang und Karlzons energetisches, harmonisch weit ausschwingendes Spiel sich nicht ergänzen, sondern verschmelzen.
Neben sehr eigenen Versionen der Stücke ikonischer Songwriter enthält Who We Are auch eine Reihe von Eigenkompositionen von Jacob Karlzon, der hier nicht nur die Musik, sondern zum ersten Mal auch alle Texte beisteuerte. Tolstoy war das ein überraschender, ja berührender Schritt: „Nach der Musik landeten plötzlich Song für Song Texte in mein Postfach – und ich war sprachlos, wie gut diese waren.“ Karlzon beschreibt das Schreiben als eine Rückkehr zu dem, was für ihn den Kern von Kunst ausmacht: nicht Konzept oder Verkaufbarkeit, sondern Wahrhaftigkeit. Die Texte spiegeln persönliche Erlebnisse ebenso wie Beobachtungen – ein Patchwork, das dennoch eine klare Haltung trägt. Tolstoy wiederum macht diese Lieder zu ihren eigenen Geschichten. Weil sie Karlzon so gut kennt, wie sie sagt: „Ich fühle die Worte. Ich weiß, woher sie kommen.“Who We Are ist ein reifes, warmes, in sich ruhendes Album zweier Künstler, die einander in ihrer ganzen Komplexität kennen – und darin eine Form von Freiheit gefunden haben, die selten geworden ist. Ein Werk, das nicht erklärt, wer sie sein möchten, sondern wer sie wirklich sind.
CreditsRecorded at Musikaliska Kvarteret, Stockholm, August 25 & 26, 2025, by Lars NilssonAdditional recordings at ChassRoomMixed and mastered at Nilento Studio by Lars NilssonNilento team: Lars Nilsson, Michael Dalvid, and Jenny NilssonProduced by Jacob Karlzon & Lars NilssonJacob Karlzon is a Steinway Artist
Theo Croker und Sullivan FortnerCD / Vinyl / Limited Green Vinyl / digital Theo Croker trumpetSullivan Fortner piano
Forget the boxes.Forget the compositions.Forget the market.Forget if people will get it.Forget everything.
Let's just PLAY.
Das Album PLAY vereint zum ersten Mal zwei der wichtigsten amerikanischen Jazz-&-Beyond-Musiker der aktuellen Generation: Trompeter Theo Croker und Pianist Sullivan Fortner. Die beiden kennen einander seit mehr als 20 Jahren, aber PLAY ist ihre erste gemeinsame Aufnahme als Leader. Die ursprüngliche Idee für das Album: eine Sammlung von modernen Jazz-Standards, vielleicht auch einige Versionen populärer Songs. Mit dieser Idee gingen Croker und Fortner ins Studio, nahmen auf… und verwarfen anschließend das komplette Material. Theo Croker erinnert sich: „Während wir spielten, fühlte es sich irgendwie schal an. Nicht in dem Sinne, dass die Songs nicht gut waren. Aber wir spürten, dass wir Dinge spielen, die schon viele Male zuvor aufgenommen wurden.“ Und Sullivan Fortner fügt hinzu: „Wir hatten das Gefühl, nicht wirklich wir selbst zu sein, es fühlte sich mehr wie eine Fingerübung an. Wir haben in der Vergangenheit viel Musik aus dem Great American Songbook gespielt. Das sind großartige Songs und wir haben durch sie sehr viel gelernt. Aber es ist nicht unbedingt die Musik, zu der wir uns heute bei Auftritten hingezogen fühlen. Die Musik, die wir heute machen ist in etwas verwurzelt, das über den Jazz hinausgeht. Sie spiegelt immer die gesamte Diaspora der schwarzen amerikanischen Musik wider und nicht nur ein einziges festes Genre.“Also gingen Croker und Fortner am Folgetag erneut ins Studio. Der Plan diesmal: kein Plan. Keine Kompositionen (bis auf den Opener A Prayer for Peace). Let’s just PLAY. Theo Croker beschreibt den Prozess so: „Wir kamen einfach mit spontanen kleinen Ideen: Dieses Stück spielen wir schnell. Für dieses Stück wählen wir vier Noten, die wir NICHT spielen werden. Bei diesem Stück spiele ich lange Töne, du spielst schnelle. Ich denke mir eine Melodie aus und wir sehen, wohin es führt. Und in einer Stunde waren wir fertig.“ Was formal so einfach klingt, ist in Wirklichkeit die Essenz eines ganzen Lebens des Lernens und Improvisierens. Sullivan Fortner sagt: „Es fühlte sich einfach richtig an: das sind wirklich wir. Der komplett freie Ansatz zog uns auf eine sehr spirituelle und inspirierende Art an und brachte vieles hervor, was wir gemeinsam gelernt haben. Es ist wirklich die Essenz aller unserer individuellen Einflüsse und unserer gemeinsamen musikalischen Beziehung.“Dass diese außergewöhnliche Aufnahme auf ACT erscheint, hat eine Vorgeschichte: Theo Croker wirkte schon auf mehreren ACT-Produktionen mit, zum ersten Mal bei Jazz at Berlin Philharmonic XII – Sketches of Miles und dann im Studio und live bei Emile Parisiens transatlantischem Projekt Louise. In der Folge schlug ACT-CEO Andreas Brandis Theo Croker vor, ein eher akustisches, kammermusikalisch geprägtes Album zu veröffentlichen – während sich dessen Arbeit als Leader derzeit vor allem im Grenzbereich von Jazz, Hiphop und Pop bewegt. Croker dachte sofort an ein Duo mit Sullivan Fortner, eine Idee, über die die beiden Musiker bereits seit Langem sprachen.
PLAY ist ein Glücksfall. Und im aktuellen Musikbetrieb nicht nur selten sondern fast schon ein Wunder: Keine Regeln, keine Fragen nach Genres, Zielgruppen, Single- und Streaming-Tauglichkeit. Und auch wenn hier die unterschiedlichsten musikalischen Einflüsse zusammenkommen, macht das Album doch den Spirit des Jazz besonders eindringlich erlebbar – die Freiheit, Interaktion, die Möglichkeit, sich uneingeschränkt auszudrücken und miteinander zu kommunizieren. Oder, wie es Sullivan Fortner auf den Punkt bringt: „This is just two brothers playing.”
Credits#1 composed by Theo Croker, all other tracks are improvisationsRecorded June 6, 2023 at The Bunker Studio, Brooklyn, NYRecorded by Todd CarterMixed by Todd CarderMastered by Klaus ScheuermannProduced by Theo Croker & Sullivan FortnerPhoto by @ogata_photoSpiral motif used under license from Giorgio Morara
Alamy (vector graphic)Cover design by Siggi Loch
Dhafer Youssef - ShirazCD / Vinyl / digital Dhafer Youssef oud, vocalsDaniel García Diego pianoMario Rom trumpetSwaeli Mbappe electric bassTao Ehrlich drumsNguyên Lê electric guitar, sound design (#4,10,11,13)Shiraz, Dhafer Youssefs erstes ACT-Album als Leader, ist eine tief empfundene Geschichte von Liebe und Dankbarkeit, von Licht und Dunkelheit. Die Musik des tunesischen Oud-Meisters und Sängers ist noch intimer als zuvor – denn dies ist die wohl persönlichste Geschichte seiner gesamten Laufbahn. Das Album ist seiner Frau Shiraz Fradi gewidmet, der gemeinsamen, engen Beziehung und ihrem wendungsreichen Weg. Die Stücke sind durchzogen von der Energie zahlloser Begegnungen und Entdeckungen aus Dhafer Youssefs jahrzehntelanger musikalischer Reise und zugleich geprägt von zärtlicher Demut für das Hier und Jetzt.
Dhafer Youssef hat viel erreicht: vom Wanderer mit dem Instrument unter dem Arm wurde er zu einem der erfolgreichsten Grenzgänger zwischen Jazz, Weltmusik und spiritueller Klangerkundung. Zugleich gilt er weithin als eine der markantesten musikalischen Stimmen unserer Zeit; seine Kunst überschreitet Grenzen, Sprachen und Genres. Schon als Kind lernte er in seiner Heimat Tunesien die Sufi-Tradition der islamischen Musik kennen. Meist ging es um die Liebe, ein mystisches Verständnis des Menschseins und die Spiritualität hinter der Wirklichkeit. Das weckte seine Neugier, und Orte wie Teboulbá wurden für einen jungen Mann, der mehr von der Welt sehen wollte, schnell zu eng. 1990 machte sich Dhafer Youssef auf den Weg, landete in Wien und hielt sich zunächst mit Gelegenheitsjobs wie Fensterputzen, Geschirrspülen oder Kellnern über Wasser. Er suchte gezielt Kontakte und kam über eine Theatergruppe mit einheimischen Musiker:innen in Berührung.
Schon früh hatte Dhafer Youssef eine klare Vorstellung davon, wie seine Musik klingen sollte: verwurzelt in den Traditionen der arabischen Musik und des Sufismus, zugleich offen für den Sound der Gegenwart. Das konnte Jazz sein, Kammermusik, Rockiges oder auch Elektronik. Mit diesen Ideen fand der Newcomer schnell Anschluss. Bald gehörten Kollegen wie Christian Muthspiel, Renaud Garcia-Fons oder Markus Stockhausen zu seinen Bands. Von da an ging es zügig voran, die Hallen wurden größer, die Projekte ambitionierter. Neben europäischen Kollegen wie Eivind Aarset traten bald auch amerikanische Größen wie Marcus Miller oder Herbie Hancock hinzu. Seine erste Berührung mit ACT hatte Dhafer Youssef 2006 auf Nguyên Lês hypnotischem, farbenreichem Album Homescape.
Das wichtigste Ereignis in Dhafer Youssefs jüngerer Vergangenheit hatte jedoch wenig mit Musik zu tun: Ende der Nullerjahre lernte er die tunesische Filmemacherin und Regisseurin Shiraz Fradi kennen – eine Begegnung, die, wie er sagt, sein Leben auf den Kopf stellte. Die beiden wurden ein Paar. Der bis dahin rastlose Oud Meister fand sein Zentrum, und die Regisseurin gab auch seinem Künstlerleben eine neue Richtung. Es lief gut, bis die Corona Pandemie alles lahmlegte. Und es waren Shiraz und ihr Blick auf die Welt, die Youssef halfen, seine Kreativität in dieser Zeit zu bewahren. Er erinnert sich: „Shiraz ist eine sensible Filmemacherin, sie sieht das Leben wie Kino, als würden sich meine Tage in endlose Szenen verwandeln und ich sei dazu gezwungen – oder vielleicht gesegnet –, ohne Unterlass Musik zu komponieren. Musik, Film, Schreiben bestimmten den Rhythmus unseres Alltags.“
Kurz nach Covid änderte sich das Leben erneut – unerwartet und dramatisch: „Bei Shiraz wurde Krebs diagnostiziert“, so Dhafer Youssef. „Doch mit dieser Realität konfrontiert, lehnte sie das Wort ‚Kampf‘ ab. Stattdessen sagte sie: Ich gehe auf eine neue Reise. Und sie ging sie mit einer Anmut und Widerstandskraft, die mich bis heute inspiriert.“ Doch Zeit war eine enorme Herausforderung: „Die dritte Chemotherapie war ein Moment, den ich nie vergessen werde. Ich betrat den Raum: Shiraz’ Körper war da, doch ihre Seele war abwesend. Ich sah sie an; sie sah nicht zurück. Sie weinte, und ich war hilflos, ratlos. Nur die Musik konnte sie erreichen, sie beruhigen, sie zu uns zurückbringen. Und mir wurde klar: Mein nächstes Album kann nur einen Namen tragen: Shiraz. Für sie könnte ich ganze Bücher schreiben – über die Türen, die sie geöffnet hat, über das Licht, das sie gebracht hat. Doch hier will ich sie einfach feiern: ihre Reise, ihre Anmut.“
Die Musik von Shiraz erzählt daher als Essenz dieser bewegten Jahre viel über Dankbarkeit. Entstanden ist sie mit einer neuen, jungen Band bestehend aus Pianist und ACT Artist Daniel García, Trompeter Mario Rom, Bassist Swaéli Mbappé, Schlagzeuger Tao Ehrlich und Nguyên Lê als Gast an Gitarre und Sounddesign. Neun Stücke entstanden im Studio und zeichnen die Reise der Emotionen nach, die Dhafer Youssef in dieser Zeit durchlebt hat: „Die Musik ist auch als Reflexion darüber entstanden, was Shiraz denkt und hört. Generalife Gardens zum Beispiel bezieht sich auf Lole y Manuel, ein Flamenco Duo, das wir gemeinsam in Spanien entdeckten.“ Andere Lieder wie The Epistle Of Love entwickeln sich vom sanft phrasierenden Intro über eine dialogische Wachstumsphase bis zum groovenden Finale – richtige Hörfilme. Dhafer Youssefs Oud entfaltet sich dabei stärker als früher zu einem kammermusikalischen Instrument, das er wie eine klassische arabische Laute einsetzt. Die Gesangs-Stimme von Dhafer Youssef wiederum wird im zweiten Teil des Albums wichtig, hymnisch wie in Shajan oder im melodischen Falsett-Gespräch mit der samten irrlichternden Trompete von Mario Rom. Es gibt zärtliche Widmungen an die Schönheit von Klang und Emotion wie in Rose Fragrance und üppige Energieausbrüche wie in Eyeblink And Eternity.
Über die persönliche Geschichte hinaus besitzt diese Musik – wie die von Dhafer Youssef insgesamt – eine kulturelle Relevanz, die heute vielleicht wichtiger ist denn je: Sie verkörpert den Dialog zwischen Tradition und Moderne. In einer von Spaltung und Lärm geprägten Gegenwart spendet sie Ruhe und baut Brücken, zwischen Ost und West, zwischen dem Ich und dem Kollektiv. Und sie macht deutlich, dass kulturelle Identität keine Abgrenzung bedeutet ist, sondern Entfaltung, Vielstimmigkeit und Gemeinschaft. Shiraz ist Musik, so farbenfroh und wendungsreich wie das Leben.
Credits
All compositions and arrangements by Dhafer Youssef
Recording by Tony Paeleman at Studio des Bruères, October 21 & 22, 2024Terpsichorean recorded in Paris March 28th by Giulio Gallo
Mixing & additional recordings (vocal, oud) by Nguyên Lê at Big Rock Studio, Lyon (December 2024-June 2025) Mastered by Bruno Gruel at Elektra MasteringVisual Storyteller / Photographer: Skander Khlif
Creative Director: Shiraz Fradi
Cover art by Skander Khlif
Nils Landgren - Christmas with my Friends IXCD / Purple Vinyl / digital Nils Landgren trombone, vocalsSharon Dyall vocalsJeanette Köhn vocals
Jessica Pilnäs vocals
Ida Sand vocals, piano
Jonas Knutsson saxophones
Johan Norberg guitars
Clas Lassbo bass
Trombones from the Swedish Radio Symphony OrchestraHåkan Björkman, Mikael Oscarsson, James Kent, Martha Eikemo Andersen
Was wäre Weihnachten ohne Lieder? Und ohne Freunde und Familie? Posaunist, Sänger und Produzent Nils Landgren träumte lange davon, ein musikalisches Weihnachtsfest mit guten Freund*innen zu feiern. 2006 wurde dieser Traum Wirklichkeit: Christmas With My Friends erschien und entwickelte sich rasch zu einem der beliebtesten und erfolgreichsten Weihnachtsalben des europäischen Jazz – und zu einer liebgewonnenen Tradition. Seither erscheint die Serie im zweijährigen Rhythmus und wird von ebenso regelmäßigen Tourneen begleitet. Nun geht die Reihe mit Christmas With My Friends IX in die neunte Runde.„Jemand hat mich einmal gefragt: Sind nicht irgendwann einmal alle Weihnachtslieder gesungen?“, erinnert sich Nils Landgren. Seine Antwort ist einfach: „Nein, sind sie nicht. Solange wir Weihnachten feiern, wird es Lieder geben – alte und neue.“ Für Landgren und seine Mitmusiker*innen sind sowohl die Aufnahmen als auch die Konzerte eine besondere Freude: „Ich kann das Gefühl kaum beschreiben, wenn eine weitere Aufnahmesession abgeschlossen ist. Wir stecken unser Herz und unsere Seele in jedes einzelne Album, und im Laufe der Jahre sind wir zu einer sehr eingeschworenen Gemeinschaft geworden. Nach acht Alben und zehn langen Tourneen kennen wir uns mittlerweile richtig gut.“Wie in jeder Ausgabe trafen sich Landgren & Friends auch für die neunte Folge von Chrismas bei Kaffee und Zimtbrötchen, um eine Auswahl klassischer europäischer und amerikanischer Weihnachtslieder quer durch Stile und Epochen sowie Neukompositionen zu besprechen und auszuprobieren. Die Besetzung umfasst erneut Jonas Knutsson (Saxofon), Johan Norberg (Gitarre), Clas Lassbo (Bass) und Ida Sand (Piano, Gesang) sowie die Sängerinnen Sharon Dyall, Jessica Pilnäs und Jeanette Köhn. Traditionell fanden die Aufnahmen in den renommierten Atlantis Studios in Stockholm statt – unter der Leitung von Nils Landgren und Co-Produzent Johan Norberg. Als besonderes Extra hat Landgren diesmal die Posaunensektion des schwedischen Radiosinfonieorchesters für einige besonders ergreifende Choräle eingeladen.Die Vielfalt der Stimmen, die enge Vertrautheit aller Mitwirkenden und der warme, akustische zugleich festliche wie intime Charakter der Musik prägen den unverwechselbaren Zauber dieser Musik. Christmas With My Friends IX ist eine Feier der Freundschaft, des Friedens und der Freude – eine musikalische Weihnachtsgeschichte, die Nils Landgren und seine Freund*innen mit ihrem Publikum teilen.Credits
Recorded March 3–4, 2025, at Atlantis Studios, Stockholm
Recorded by Niclas Lindström
Trombones on #1 recorded by Hans Gardemar at KMH Kungasalen Stockholm
Mixed by Johan Norberg
Mastered by Klaus ScheuermannProduced by Nils Landgren & Johan Norberg
Bugge Wesseltoft - It's still snowing on my pianoLiveCD / Vinyl / Limited Sky Blue
Vinyl / digital Bugge Wesseltoft piano
Das Solo-Piano-Album It‘s Snowing On My Piano des Norwegers Bugge Wesseltoft zählt zu den erfolgreichsten Veröffentlichungen in der Geschichte von ACT. Und für viele Menschen, besonders in Deutschland und Norwegen, gehört das Album seit seinem Erscheinen 1997 fest zur Weihnachtszeit. Dabei ist es alles andere als ein typisches Weihnachtsalbum. Schon der erste Ton offenbart die meditative Kraft dieser Musik und schafft einen Ort des Friedens und der Ruhe – ein Zustand, der heute noch kostbarer erscheint als damals. Seitdem hat Bugge Wesseltoft die Musik des Albums immer wieder live gespielt – und jedes Mal neu interpretiert. Die Kompositionen und Melodien dienen dabei als Ausgangspunkt für musikalische Meditationen. Nach fast 20 Jahren war es an der Zeit, diese Entwicklung festzuhalten - uns so erscheint nun mit It’s still snowing on my piano erstmals eine Live-Version des vielgeliebten Albums, aufgenommen bei Konzerten in fünf norwegischen Kulturhäusern und Kirchen.
Als Bugge Wesseltoft die Musik von Snowing vor knapp 20 Jahren zum ersten Mal live spielte, im Kalkmølla, einem kleinen, gemütlichen Kulturzentrum außerhalb von Oslo, war er zunächst unsicher, ob sich die magische Atmosphäre der Studioaufnahme wiederherstellen ließe. Er erinnert sich: „Hundert Menschen saßen in einem kleinen akustischen Raum. Ich begann leise und langsam zu spielen, genau wie auf dem Album. Nach ein paar Songs konnte ich das tiefe Atmen des Publikums hören. ‚Oh Gott, das muss für sie so langweilig sein‘, dachte ich und war mir sicher, dass sie zur Pause alle gehen würden.“ Gegangen ist natürlich niemand. Im Gegenteil: „Nach dem Konzert erzählten mir alle, was für eine großartige Erfahrung das für sie gewesen war. Seitdem spiele ich diese Musik jedes Jahr im Dezember in Norwegen vor großem Publikum. Es ist unglaublich, die gemeinsame Energie zu spüren, die Musik und Publikum zusammen im Konzertsaal erzeugen.“
Von der Idee des ACT-Gründers Siggi Loch, ein Weihnachtsalbum aufzunehmen, war Bugge Wesseltoft im 1997 zunächst wenig begeistert. Und er kann auch heute noch gut erklären, warum: „Ich bin kein großer Fan des Weihnachts-Shoppingwahns und des gestressten Glücks. In den frühen Neunzigerjahren hatte ich in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet und schockiert festgestellt, dass Weihnachten eine Hochsaison für Depressionen, Nervenzusammenbrüche und Familienprobleme war. Ich schätzte mich glücklich, in einer Familie aufgewachsen zu sein, in der Heiligabend ein herzerwärmender, ruhiger Abend im Kreise der engsten Familie war.“ Das brachte Wesseltoft schließlich auf die Idee, ein Weihnachtsalbum in diesem Geiste aufzunehmen – eines, das seiner damals zweieinhalbjährigen Tochter Maren später vielleicht einmal gefallen würde. In seinen Worten: „Ruhig, langsam, mit Schwerpunkt auf liebevollen Kindheitserinnerungen und den Liedern, die wir sangen, während wir uns an den Händen hielten und um den Weihnachtsbaum herumstanden.“ Große Erwartungen waren mit der tatsächlich noch vor Weihnachten 1997 erscheinenden Einspielung nicht verbunden. Und erst einmal passierte auch nicht viel. Im folgenden Jahr aber breitete sich die Kunde von dieser ganz besonderen Weihnachtsmusik aus, die Menschen schlossen das Album ins Herz, empfahlen und verschenkten es immer wieder, bis heute.
Die Liveaufnahme It’s still snowing on my piano wirkt vertraut und neu zugleich. Die Melodien der zumeist traditionellen Originalkompositionen bleiben erhalten. Wesseltofts Umgang mit den Stücken ist nicht der des Dekonstruierens oder Re-Komponierens, eher der eines behutsamen Durchwanderns und Erkundens der Räume zwischen den Noten. Doch genau auf diesem Weg entsteht innerhalb der Songs ganz neue Musik. Es scheint, als wiese jeder vorhergehende Ton dem nächsten den Weg, als folge auf jede Verzweigung eine weitere. Oft scheint es, als sei Wesseltoft dabei selbst gleichermaßen Spieler und Zuhörer. Bei den Aufnahmen zum Originalalbum saß Tochter Maren auf seinem Schoß - kein typisches Verhältnis von Künstler und Publikum, eher die eines gemeinsamen Lauschens und Fühlens. Genauso ist es auch bei den Konzerten und im heimischen Wohnzimmer. Und es ist genau dieses Gefühl der Verbindung zwischen Musiker und Zuhörer, die besondere Magie dieser Musik ausmacht.CreditsMusic arranged and produced by Bugge Wesseltoft
Mixed and mastered by Klaus ScheuermannCover art by Ardy Strüwer