Limitierte Testpressungen des Albums von Bill Laurance. Ein seltenes Sammlerstück: Eine Testpressung ist die erste Probeplatte eines Albums und dient der Qualitätskontrolle vor der finalen Pressung. Sie entspricht klanglich nicht immer exakt der späteren Veröffentlichung, was sie jedoch zu einem besonderen Sammlerstück mit eigener Geschichte macht. Jede Testpressung ist eine Limited Edition – ideal für Sammler:innen und alle, die Jazz-Vinyl, Raritäten und exklusive Ausgaben schätzen.
Album: LumenVÖ: 12.09.2025Diese Testpressungen wurden verwendet, um die höchste Audioqualität vor der Massenproduktion sicherzustellen. In Ihrem ACT-Testpressungspaket enthalten sind:1 Bio-Vinyl-Testpressung in der originalen weißen Schutzhülle. Eine schön gestaltete Karte mit handgeschriebenen Schlüsseldetails zur Veröffentlichung, wie Künstlernamen, Albumtitel, Produktionsjahr und Anzahl der Testpressungen. Album-Booklet im PDF-Format. Dieses enthält einen umfassenden Einblick in das Album mit dem Cover-Artwork, einem sorgfältig verfassten Text über das Album, der Tracklist, vollständigen Produktions- und Performance-Credits sowie Details zur Instrumentierung.Echtheitszertifikat der Testpressung. Dieses Zertifikat bestätigt die Echtheit der Testpressung, die im Rahmen des Qualitätskontrollprozesses vor der finalen Vinylpressung hergestellt wurde. Testpressungen werden nur in begrenzter Stückzahl produziert, um höchste Klangtreue und Fertigungsqualität zu gewährleisten.
Jede Testpressung wird sorgfältig geprüft und von unserem Team freigegeben, bevor die Produktion fortgesetzt wird. Dieses Dokument dient als Nachweis für ihre Authentizität und Einzigartigkeit.
Zur offiziellen Bestätigung trägt dieses Zertifikat den Firmenstempel. Hinweis:
Eine Testpressung ist eine Vorabversion der Vinylplatte, die zur Überprüfung der Pressqualität vor der Serienproduktion verwendet wird. Die Audioqualität kann leicht von der finalen Version abweichen und kleine Unregelmäßigkeiten aufweisen, die Teil des Testprozesses sind. Sie besitzt historischen Wert als Bestandteil des Produktionsprozesses. Bei der Qualitätsprüfung von Lumen wurde auf der B-Seite eine mikroskopisch kleine physische Unregelmäßigkeit festgestellt. Sie ist mit bloßem Auge kaum sichtbar und nahezu nicht hörbar. Dennoch haben wir sichergestellt, dass sie im Produktionslauf korrekt berücksichtigt wird, um die höchste Qualität zu gewährleisten.
Nesrine - Kan Ya MakanCD / Vinyl / Digital
Nesrine vocals, cello
Vincent Huma guitar
Grégoire Musso bass, keyboards
Anissa Nehari percussion
Rhani Krija percussion
Paco Soler trombone
Die franko-algerische Sängerin, Cellistin und Songschreiberin Nesrine ist eine ‚Scheherazade‘, eine Geschichtenerzählerin, unserer Zeit. Und ihr Album „Kan Ya Makan“, arabisch für „es war einmal“ so etwas wie eine moderne Geschichtensammlung aus Tausendundeine Nacht. Die britische TIMES nennt Nesrine „ein leuchtendes, multilinguales Talent“, die SZ konstatiert: „Nesrine demonstriert, welche Schönheit aus Freiheit entstehen kann.“ Ihre Songs in arabischer, französischer und englischer Sprache sind die Essenz einer bewegten persönlichen Biografie - zwischen Algerien, dem Herkunftsland ihrer Familie, und ihrer aktuellen Heimat Paris. Auch sind Nesrines kunstvolle, facettenreiche Songs das Spiegelbild ihrer vielfältigen musikalischen Laufbahn: Sie spielte als klassische Cellistin unter anderem in Daniel Barenboims East-Western Divan Orchestra und im Orchester der Oper von Valencia unter Lorin Maazel und trat als Gaststar mit dem Cirque de Soleil. Die Sicherheit einer Karriere als klassische Orchestermusikerin gab sie zugunsten ihrer Solo-Laufbahn auf – mit Erfolg: Sie spielt regelmäßig in Philharmonien, Konzertsälen und auf Festivals in ganz Europa und den USA und veröffentlichte bislang zwei international vielbeachtete Alben auf ACT. Anfang 2024 erschien zudem eine digitale EP, bei der Nesrine ihre Musik gemeinsam mit dem renommierten Metropol Orkest spielt.Nesrines bisherige Alben, Ahlam mit dem Trio NES (2018) und ihr Solo-Debüt Nesrine (2020) zeichneten eher eine Außensicht. Kan Ya Makan zoomt nun näher heran: „Bei meinen früheren Alben ging es mehr um meine Sicht auf die Welt.“ sagt Nesrine „In diesem geht es um meine persönliche Geschichte. Viele der Stücke handeln von engen Beziehungen zwischen mir und anderen Menschen. Aber auch von mir selbst. In „Dunia“, arabisch für „Leben“, erzähle ich meine ganze Lebensgeschichte, von der Kindheit bis zum heutigen Tag.“ Dabei wird deutlich, wie eng die so unterschiedlichen musikalischen und persönlichen Einflüsse Nesrines inzwischen zu einer Einheit geworden sind. So singt sie zum ersten Mal auch innerhalb desselben Songs in zwei verschiedenen Sprachen, Arabisch und Französisch. Sie sagt: “Ich glaube fest an diese Art von Verschmelzungen und an die Möglichkeiten, die sie eröffnen. Es ist eine echte Reflektion meiner Selbst und eine Befreiung. Ich muss mich nicht für eine Seite entscheiden, ich kann einfach beides sein.“ Diese Verbindung aus scheinbaren Gegensätzen setzt sich in der Musik fort. So zitiert der Cello-Part des Songs „Bonnie & Clyde“ das Präludium der Cello Suite No. 1 von Johann Sebastian Bach, an anderer Stelle stehen Referenzen an Serge Gainsbourg zusammen mit arabischen Rhythmen; stilsicher und punktuell eingesetztes Autotune-Gesangspassagen fügen sich in sich komplex überlagernde Cello-Patterns. Überhaupt benutzt Nesrine ihr klassisch geprägtes Instrument auf die unterschiedlichsten Arten, kreiert Basslinien, Flächen, Arpeggios, Melodielinien – und schichtet diese zu kunstvollen Gebilden von komplexer Klarheit. „Das Cello ist mein ständiger Begleiter.“ erklärt Nesrine. „Es bildet normalerweise den Ausgangspunkt beim Komponieren; alles andere baut darauf auf. Nur manchmal habe ich eine Gesangs-Melodie im Kopf und hole dann erst das Cello hinzu.“ Trotz der Komplexität ihrer Musik ist das Schreiben für Nesrine zuallererst ein sinnlicher, intuitiver Prozess: „Es ist, als würde man eine Information festhalten, die bereits existiert. Ich schreibe nicht viel Musik. Was immer ich schreibe, ist einfach da und das war's. Für das aktuelle Album hatte ich nur diese neun Songs. So arbeite ich immer, mein ganzer Arbeitsprozess ist sehr fokussiert.“ Zusammen mit ihren Produzenten und Mitmusikern Vincent Huma und Grégoire Musso hat Nesrine ihre Ideen in kompakte, drei bis vier Minuten-Formate destilliert. Dazu kamen Freunde und Freundinnen wie Rhani Krija und Anissa Nehari an der Percussion, Posaunist Paco Soler – und die Cellistin und Sängerin Juliette Saumagne, ihr weiblicher Clyde im Song „Bonnie & Clyde“. Auch wenn Nesrine in den Songs auf „Kan Ya Makan“ vor allem über sich, ihr Leben und ihre persönlichen Verbindungen zu anderen Menschen und Dingen erzählt, vermittelt das Album doch auch ihre Sicht auf die Welt und unsere Zeit: „Wenn mein Großvater nicht irgendwann Algerien verlassen hätte und nach Frankreich gekommen wäre, wäre ich heute nicht der Mensch der ich bin, würde ich nicht Musik machen, die ich mache. Ich möchte meine Zuhörer fühlen lassen, dass es nicht in erster Linie ein Problem ist, wenn Menschen von einem Land in ein anderes ziehen - sondern eine schöne Sache. In den aktuellen politischen Debatten zu geht nur um Extreme. Ich glaube nicht, dass uns das weiterbringt. Was mir Zuversicht und Kraft gibt, sind die Menschen, die meiner Musik und meinen Geschichten zuhören. Wir sehen nur, was wir auch sehen wollen. Und ich möchte Menschen mit meiner Musik die Augen öffnen.“ Im Titelstück singt sie: Kan Ya Makan….es war einmal: Liebe, Kunst und Schönheit.
„Mit Nesrine hören wir die Schönheit der Welt.“ (André Manoukian, Radio France)Credits:
Produced by Nesrine, Grégoire Musso, Vincent Huma
Bill Laurance & Michael League - Keeping CompanyCD / Vinyl / digital
Bill Laurance piano
Michael League oud, fretless bass, vocals
„Ein gemeinsames Projekt voranzutreiben, ist da auch eine Vergewisserung unserer selbst. Wir sind sehr enge Freunde und mit diesem Album feiern wir das.“ Bill Laurance Es gibt Duos, die werden extra zusammengestellt. Andere entstehen von alleine. So wie das von Pianist Bill Laurance und Bassist und Oud-Spieler Michael League. Die beiden kennen einander seit Studientagen. Der eine kam einst aus London nach Denton an die University Of North Texas, um seinen Horizont in andere Richtungen zu öffnen. Der andere hatte in seiner kalifornischen Heimat ursprünglich Gitarre gelernt, dann aber zum Bass gegriffen und war ebenfalls nach Texas gereist, um dort einen für ihn neuen Flow zu erleben. Die Beiden lernten einander schnell kennen und schätzen, sammelten musikalisch Gleichgesinnte um sich. Erlaubt war alles, was Spaß machte, Klassik, Soul, Folk, Jazz. Es war die Gründungsphase eines Kollektivs, das von 2003 an unter dem Namen Snarky Puppy bekannt werden und fortan im großen Tross die Welt bereisen sollte. Das gemeisame Duo von Bill Laurance und Michael League und dessen Album „Keeping Company“ sind so etwas wie der Gegenentwurf zum Snarky Puppy-Großformat. Statt um Energie und Extraversion geht es hier um die gemeinsame Innensicht. Man merkt es an der Wahl der Instrumente. Bill Laurance lässt die Keyboards im Case und konzentriert sich ganz auf das Piano, akustisch im Klang und bestenfalls ein wenig mechanisch präpariert. Michael League wählt eine bundlose Bassgitarre und die Oud, ein extremer Kontrast zum puren Groove voller Legato- und Rubato-Optionen mit transparent karger, aber atmosphärisch reicher Klangwirkung. Und sie verzichten auf die Band. Damit entsteht eine spezielle Freiheit für beide Beteiligten. „Die Oud hat für sich genommen schon einen sehr spezifischen Assoziationsraum“, erzählt Bill Laurance aus der orchestrale Perspektive des Klaviers. „Wenn ich komponiere, dann will ich das Publikum immer auch in andere Räume mitnehmen. Mit dem Klang der Oud funktioniert das. Sie ist keine Gitarre, hat etwas Exotisches. Eine Leinwand, auf die man etwas vieles malen kann. Schon beim ersten Album haben wir viel diskutiert, ob Michael eine bundlose Nylonsaiten-Gitarre spielen sollte. Es hat es ausprobiert, aber es kamen nicht die gleichen Melodien wie mit der Oud heraus. Der Sound und das Spielen ohne Bünde macht jedenfalls andere musikalische Informationen möglich. Das hat uns fasziniert.“ Und die Neugier hat bislang nicht nachgelassen. „Keeping Company“ ist das zweite Album des Duos nach dem international vielbeachteten „Where You Wish You Were“, das im Januar 2023 erschien. Die Vorbereitungsphase war außerordentlich produktiv. Beide Beteiligten schrieben viele Skizzen und Kompositionen, allein Bill Laurance über Wochen hinweg bis zu drei Stücke am Tag. Am Ende musste die Fülle komprimiert und in eine Form gebracht werden, in der die Musik resonierte: „Beim ersten Album ging es eher darum, einen Sound zu etablieren und die Dynamik zu erforschen. Inzwischen wollen wir tiefer einzutauchen. Es ist noch mehr Persönlichkeit in der Musik. Außerdem wollten wir ausprobieren, was wir bislang noch nicht erforscht haben, einen Hauch von Soul Jazz zum Beispiel. Und Musik, die nur zu zweit gespielt wird, ohne Overdubbing. Wir haben viel Schönheit darin gefunden, uns auf das Pure, das Organische zu konzentrieren.“ Das liegt auch daran, dass beide Musiker Ausflüge ins Unbekannte zulassen. Michael League etwa hat nie die traditionelle Spielweise der Oud studiert. Er kennt das Instrument ursprünglich von seinem Bruder, der es in den frühen 2000er Jahren in Griechenland studierte. Später wurde Ara Dinkjian, einer der weltweit angesehensten Meister des Instruments, Michael Leagues Mentor. Dieser war es auch, der ihn immer wieder ermutigte, die Oud aus seiner eigenen, intuitiven Perspektive zu erforschen. Bill Laurance wiederum verzichtet für das Spiel im Duo auf das Raumgreifende des Klaviers. Er bevorzugt kantable Melodien, rhythmisch prägnante, klare Begleitungen und kompakte Improvisationen. Die Stücke selbst wirken wie Miniaturen, auf ihren Kern reduziert, jedes eine kleine Welt für sich. „Keeping Company“ ist eine Momentaufnahme eines ungewöhnlichen Teams, ein Programm wie eine Sammlung klingender Polaroids. Denn Bill Laurance und Michael League sind bislang noch in der wunderbar inspirierenden Phase gemeinsamer Erkundungen. Es ist alles offen. Die Musik klingt spontan und intuitiv. Sie hat die Kraft des Persönlichen und baut auf einer Freundschaft auf, die auch Humor im motivischen Umgarnen verträgt. Vielleicht kommen eines Tages auch andere Player hinzu. Bislang aber ist der Dialog im musikalisch intimen Rahmen für Bill Laurance und Michael League die ideale Form des künstlerischen Gesprächs.Credits:
Produced by Bill Laurance, Michael League & Nic Hard
Peter Somuah - HighlifeCD / Vinyl / digital
Peter Somuah trumpet, vocals, cowbell
Jesse Schilderink tenor saxophone
Anton de Bruin keyboard, rhodes, synth
Jens Meijer drums
Danny Rombout congas, shekere
Marijn van de Ven double & electric bass
Lamisi Akuka vocals
Thomas Botchway talking drum & shekere on #09
Pat Thomas vocals
Gyedu-Blay Ambolley vocals
Bright Osei Baffour guitar on #02, #05 and #09
Die Geschichte von Peter Somuah ist eine Geschichte des Reisens. Der aus Ghana stammende, in Rotterdam lebende Trompeter hat sich einmal um die Welt gespielt – und das nicht nur wortwörtlich mit Festival-Auftritten zwischen Stockholm und Peking. Auch seine Musik begab sich auf Pionierwege: Zwischen Accra, der Hauptstadt Ghanas und seiner holländische Wahlheimat erzählt Somuah seine ganz eigene Geschichte. Eine Geschichte, die so disparate Vorbilder wie Miles Davis, Freddie Hubbard oder Roy Hargrove auf der Jazz-Seite mit den ghanaischen Highlife-Rhythmen aus den 60er Jahren zusammenführt. „Letter to the Universe“, das ACT-Debüt des jungen Welteneroberers, war ein ambitioniertes biographisches Mosaik, eine kosmopolitische Fusion der Vielzahl von Somuahs Einflüssen – und für die Süddeutsche Zeitung „ein Beweis, wie komplex der Jazz als Weltsprache funktioniert.“ Mit dem Nachfolge-Album „Highlife“ kehrt Peter Somuah zu seinen Ursprüngen und seiner ersten musikalischen Liebe zurück. Die gleichnamige, ikonische Musik seiner Heimat spielt er seit seiner Kindheit – und brachte später in Highlife-Bands vier Tage die Woche sein Publikum zum Tanzen. „Der Highlife hat die Art wie ich Trompete spiele, wie ich Musik höre und komponiere grundlegend beeinflusst“ sagt Somuah. Das habe sich auch in einem ganz eigenen Trompetensound niedergeschlagen: Diesem mal strahlenden, mal nuanciert-brüchigen Ton, den er als junger Mann auf den Platten von Highlife-Ikonen wie ‚ET Mensah‘ oder ‚The Ramblers‘ gehört hatte. Nun sieht er sich als Mittler zwischen „verwandten Welten“: Mit einem Fuß im modernen Jazz, mit dem anderen in einer traditionellen Highlife-Bar. Und das gemeinsam mit einer Band, die aus holländischen Musikern besteht. „Meine Mitspieler sind nicht in Ghana aufgewachsen“, sagt Somuah. „Aber das macht überhaupt nichts. Denn viel wichtiger ist ihre tiefe Leidenschaft für Highlife und Afrobeat und das Gespür, das sie für diese Musik entwickelt haben.“ Eingespielt hat Peter Somuah das Album in einem kleinen Hinterhofstudio in Berlin-Neukölln. Dessen zum Teil uraltes Analog-Equipment versprach erdiges Klangbild, wie es den historischen Highlife aus den 50er und 60er Jahren prägte. „Ich wollte diesen sehr besonderen Sound wieder zum Leben erwecken. Dessen Wärme, dessen Schneid, dessen überbordende Freude“. Anschließend flog Peter mit den Instrumentals nach Ghana und besuchte die Helden des alten Highlife wie Pat Thomas und Gyedu Blay-Ambolley. „Sie waren schon da, als ich geboren wurde und ich verehre sie, seitdem ich sie zum ersten Mal im Radio hörte. Damals hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal bei ihnen zu Hause in ihren Wohnzimmern sitzen würde, um sie für mein Album aufzunehmen.“ Peter Somuah lässt sein „Highlife“ Album mit einer Geschichtsstunde beginnen. Für „The Rhythm“ hat er die Highlife-Legende Koo-Nimo in Kumasi aufgesucht, lässt er den Veteranen von den Ursprüngen der Musik erzählen. Damals beschäftigten die britischen Kolonialherren Bands mit ghanaischen Musikern, damit diese für sie Walzer, Samba und westliche Unterhaltungsmusik spielten. Diese Bands traten ausschließlich in britischen Clubs und Casinos zum Vergnügen der Oberschicht auf – daher der Name „Highlife“. Die meisten Einheimischen dagegen durften die Musik nur von außen bewundern: „Später“, sagt Somuah ,“brauten die Musiker aus diesen Stilen ihre eigene Mischung. Sie verbanden westliche Instrumente mit älteren ghanaischen Stilen wie der Palmwein-Musik. Brachten tänzelnde Highlife-Gitarren-Riffs ins Spiel. Und fügten der 4/4-Signatur andere Rhythmen ein, etwa die typische, synkopische ‚Clave‘. Nun nimmt Peter Somuah diesen alchemistischen Prozess wieder auf und führt die Musik mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer goldenen Zeit zu neuen Ufern. „Zwischenzeitlich war der ursprüngliche Highlife fast in Vergessenheit geraten“, sagt Somuah. „Viele der jungen Menschen kennen ihn nicht mehr“. Zwar hatte Präsident Kwame Nkrumah den Highlife nach der Unabhängigkeit Ghanas zum Nationaltanz erklärt, tourten Bands wie die von ET Mensah, dem „King of Highlife“ durch ganz Afrika. Aber in den 80er Jahren machte ein Militärputsch die lebendige Musikszene Accras zunichte. Die monatelange abendliche Ausgangssperre führte zur Schließung aller Clubs. Die meisten Musiker gingen ins Exil. „Hier bekam die Musik ganz neue Einflüsse“, erklärt Somuah. „Rock, Funk und vor allem Disco-Elemente wurden aufgenommen, Studio-produzierte Tracks und Keyboards ersetzten die großen Orchester“. Es war die ghanaische Exil-Gemeinde in Hamburg, die eine neue Spielart, den sogenannten „Burger-Highlife“ hervorbrachte.
Peter Somuah selbst praktizierte als Teil verschiedener Bands diesen populären Highlife-Stil, bevor er seiner Leidenschaft, dem Jazz, folgte. Der Funke sprang von Miles Davis über: Ein Freund hatte ihm dessen Musik vorgespielt – und Somuah verliebte sich auf Anhieb in die Sprache des afroamerikanischen Jazz-Revolutionärs: „Ich jammte im einzigen Jazz-Club Accras, imitierte Miles und Freddie Hubbard – versuchte aber gleichzeitig meinen eigenen Stil hineinzubringen“. Die Art wie Somuah Jazz-Aufbruch und Tradition zusammenbrachte war unerhört. Der Umzug nach Rotterdam sollte ihm und seinem holländischen Quintett einerseits weltweit viele Türen öffnen. Andererseits ermöglicht die Distanz Somuah nun eine neue Perspektive auf den Highlife. Was Peter Somuah am Herzen liegt, sind nicht nur die Sounds, sondern auch die Erzähltradition dieser Musik: „Typischerweise handelt sie von Alltagsgeschichten, erzählt von Liebe, Freundschaft und Familie, verbunden mit einer gewissen Moral“. Auch der Bandleader selbst erzählt und singt mit dem von ihm geschriebenen „Mental Slavery“ eine Geschichte– und tritt dabei in die Fußstapfen von Fela Kuti, einem weiteren seiner langjährigen Idole und Ideengeber. „Ich rede vom andauernden Erbe der Kolonialzeit: Noch immer sind viele Ghanaer geistig versklavt, betrachten sich als minderwertig. Sie trauen sich nicht, sich selbstbewusst der Welt zu zeigen, sich mit ihrem Können einzubringen“. Peter Somuahs „Highlife“-Album wirkt da wie ein Gegenentwurf. Eine starke Kombination von musikalischer Freiheit und dem Mut zu sich selbst zu stehen. Denn beides gehört für ihn zusammen: Die Rhythmen der Großeltern zu tanzen – und dabei gleichzeitig in die Zukunft des Jazz zu schauen. Credits:
Cover art von Mistmeister Arts & Kolinsky
Limitierte Testpressungen des Albums von Bill Laurance & Michael League.Nur 4 Testpressungen sind erhältlich – ein seltenes Sammlerstück.Album: Keeping CompanyVÖ: 31.10.2024Eine Testpressung ist die erste Probeplatte eines Albums und dient der Qualitätskontrolle vor der finalen Pressung. Sie entspricht klanglich nicht immer exakt der späteren Veröffentlichung, was sie jedoch zu einem besonderen Sammlerstück mit eigener Geschichte macht. Jede Testpressung ist eine Limited Edition – ideal für Sammler:innen und alle, die Jazz-Vinyl, Raritäten und exklusive Ausgaben schätzen.
In Ihrem ACT-Testpressungspaket enthalten sind:1 Bio-Vinyl-Testpressung in der originalen weißen Schutzhülle. Eine schön gestaltete Karte mit handgeschriebenen Schlüsseldetails zur Veröffentlichung, wie Künstlernamen, Albumtitel, Produktionsjahr und Anzahl der Testpressungen. Album-Booklet im PDF-Format. Dieses enthält einen umfassenden Einblick in das Album mit dem Cover-Artwork, einem sorgfältig verfassten Text über das Album, der Tracklist, vollständigen Produktions- und Performance-Credits sowie Details zur Instrumentierung.
Echtheitszertifikat der Testpressung. Dieses Zertifikat bestätigt die Echtheit der Testpressung, die im Rahmen des Qualitätskontrollprozesses vor der finalen Vinylpressung hergestellt wurde. Testpressungen werden nur in begrenzter Stückzahl produziert, um höchste Klangtreue und Fertigungsqualität zu gewährleisten.
Jede Testpressung wird sorgfältig geprüft und von unserem Team freigegeben, bevor die Produktion fortgesetzt wird. Dieses Dokument dient als Nachweis für ihre Authentizität und Einzigartigkeit.
Zur offiziellen Bestätigung trägt dieses Zertifikat den Firmenstempel. Hinweis:
Eine Testpressung ist eine Vorabversion der Vinylplatte, die zur Überprüfung der Pressqualität vor der Serienproduktion verwendet wird. Die Audioqualität kann leicht von der finalen Version abweichen und kleine Unregelmäßigkeiten aufweisen, die Teil des Testprozesses sind. Sie besitzt historischen Wert als Bestandteil des Produktionsprozesses.
Daniel García - WonderlandCD / Vinyl / digital
Daniel García piano, vocals on #10
Reinier “El Negrón” double bass
Michael Olivera drums, vocals on #6
special guests
Gilad Hekselman guitar on #3
Lau Noah vocals on #7
Verónica Ferreiro vocals on #11
Es tut sich etwas in der spanischen Jazz-Szene. Blieb man in Madrid, Barcelona und Sevilla lange eher unter sich, erlangte in den letzten Jahren eine ganze Generation aktueller spanischer Jazzmusiker:innen internationales Renommee und das in einem Maße, dass man durchaus von einer Bewegung sprechen kann. Elementarer Teil dieser Bewegung: Der 1983 in Salamancha geborene Pianist Daniel García, der sich in den letzten zehn Jahren mit seinem Trio einen Namen als einer der wichtigsten Vertreter des Jazz seines Heimatlands erspielt hat – auf über 300 Konzerten quer durch Europa und bis nach Japan. Die Besetzung der Band steht für eine weitere Besonderheit der spanischen Szene: Viele Musiker:innen aus Kuba fanden hier aufgrund der gemeinsamen Sprache eine zweite Heimat – und brachten ihre hervorragende musikalische Ausbildung und ihre Einflüsse mit. So auch Bassist Reinier „El Negron“ und Schlagzeuger Michael Olivera die die ebenso tight, wie sensibel agierende Rhythmusgruppe des Daniel García Trios bilden. „Wonderland“ ist das dritte Album des Daniel García Trios auf ACT. Waren die Vorgängeralben „Travesuras“ (2019) und „Vía de la Plata“ (2021) noch von deutlichen Einflüssen aus Flamenco und traditioneller spanischer Musik geprägt, hat sich García nun davon emanzipiert. Die Flamenco-Anleihen auf „Wonderland“ sind subtiler und stehen neben einer ganzen Palette von Inspirationen aus Modern Jazz, Klassik, Pop und Einflüssen aus der Karibik und dem mittleren Osten. Zugleich symbolisiert „Wonderland“ eine innere Suche: Daniel García zitiert in den Liner Notes des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung: „Wer nach außen schaut, träumt, wer nach innen schaut, erwacht.” García lädt seine Zuhörer, die eigenen Gefühle und Gedanken zu erforschen – in „eine intime Welt aus Träumen und Ängsten, Illusionen und Hoffnungen, die unser Selbst formt und uns hilft, unsere Umgebung zu verstehen“. In den zwölf Songs des Albums durchschreitet Daniel García verschiedene innere Räume und kreiert aus diesen eine zusammenhängende Erzählung. Mit dem kraftvollen „Gates to the Lands of Wonders“ betreten wir die Gefühlslandschaft. Es folgt der Titelsong, in dem als Gast der israelische Gitarrist Gilad Hekselman unisono mit dem Bandleader die sonnige Melodie spielt. „Ich liebe seinen Sound und seine Kompositionen“, so García. „So eine kreative Kraft! Ich mag Gitarristen, die auf solch menschliche Weise durch ihr Instrument sprechen“. Das sanfte „Mi Bolita“, das García seinem neugeborenen Neffen widmet und das verspielt-energische „Witness the Smile“ mit seiner Ohrwurm-tauglichen Melodie zeigen die kubanischen Einflüsse des Pianisten auf - und natürlich auch den seiner Mitstreiter Reinier „El Negron“ und Michael Olivera. „Sie sind meine Brüder“, schwärmt García. „Wenn ich mir von allen auf der Welt zwei Musiker aussuchen dürfte, ich würde trotzdem die beiden wählen! Wir sind eine Einheit.“ „Es fällt mir schwer, meine Musik zu kategorisieren“, sagt García. „Es fühlt sich an, als würde man versuchen, das Meer in eine zu Kiste sperren– sie läuft nur über! Ich liebe Klassik, ich liebe Musik aus dem Mittleren Osten, ich liebe Rock, ich liebe Singer/Songwriter! Inspiration kann von überall kommen. Das Intro von ‚The Gathering‘ wurde beispielsweise durch eine Melodie inspiriert, die ich auf den Straßen von Salamanca gehört habe.“ Zwei bemerkenswerte Stimmen runden das Album ab, die madrilenische Sängerin Verónica Ferreiro und die katalanische, in New York ansässige Sängerin Lau Noah. In „You and Me” singt sie: „Take my hands/Now, come and dance/Time to forget the wounds/All the scars, the pain”. Eine Einladung, den Schmerz im Tanz zu vergessen – und für Daniel eine Art, die Welt zu verbessern, wenn auch nur für einen Moment. Er sagt „Um uns herum passieren so viele Tragödien. Wir können wenig tun, außer an uns selbst zu glauben und gut zu anderen sein.“ Das die Kraft der Musik die Welt verbessert mag utopisch klingen. Aber man nimmt dem eher leisen, immer lächelnden, warmherzigen Daniel García den Glauben daran ab. Und es lohnt sich, ihn auf dem Weg durch sein „Wunderland“ zu begleiten.Credits:
Produced and composed by Daniel García except #11, traditional
Cover art (Detail) by Alice Baber (1928 - 1982) Courtesy Berry Campbell Gallery, New York
Grégoire Maret - EnnioCD / digital
Grégoire Maret chromatic harmonica
Romain Collin steinway piano & keyboards
Marcus Gilmore drums
Burniss Earl Travis II bass
Marvin Sewell guitar
Alexandra Sopp flute
Special guests: Cassandra Wilson vocals Gregory Porter vocals
Wie kann man an ein erfolgreiches Album wie "Americana" anknüpfen? Es wurde im April 2020 veröffentlicht und erhielt nicht nur eine Grammy-Nominierung für das beste zeitgenössische Instrumentalalbum, sondern verzeichnete auch eine Streaming-Statistik von fast zehn Millionen. Es brachte den Mundharmonikaspieler Grégoire Maret und den Pianisten Romain Collin zusammen, die in einem Trio mit Bill Frisell auftraten, in dem die drei eine glückliche Gemeinsamkeit in ihrer "gemeinsamen Liebe zum Jazz, zum Gesang und zur reinen Melodie" (Jazziz) fanden, und bot den Hörern eine "wunderschöne Meditation über den amerikanischen Traum." (Bill Milkowski).
"Americana" und die anschließende Zusammenarbeit von Maret und Collin festigten die Freundschaft zwischen diesen beiden feinen New Yorker Musikern mit frankophonen Wurzeln (Genf bzw. Antibes). Wie Collin sagt: "Die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, fühlt sich sehr flüssig und natürlich an." Maret und Collin stellten schnell fest, dass das Anschauen von Filmen mit der Musik von Ennio Morricone für beide ein wichtiger Teil des Familienlebens war und einen großen Teil dessen ausmachte, was sie ursprünglich zur Musik hingezogen hatte. "Diese Filme und die Art und Weise, wie sie die Musik eingebunden haben, sind mir wirklich im Gedächtnis geblieben", erinnert sich Maret. Und als der große Mann im Juli 2020 im Alter von 91 Jahren starb, traf es sie beide tief. Maret bedauerte zum Beispiel, dass ein Plan, ihn in einige von Morricones späteren Konzerten einzubeziehen, leider nie verwirklicht wurde. Vor allem aber fühlten sich die Musiker der Musik Morricones sehr verbunden: "Wir fühlen uns beide von Natur aus zu den europäischen Empfindlichkeiten, der romantischen Sprache hingezogen", sagt Collin.Collin erinnert sich, dass sie eine gewisse Vorsicht verspürten, als sie darüber nachdachten, diesem roten Faden, der sich so tief durch ihre beiden musikalischen Vergangenheiten zieht, zu folgen und ein Album zu machen: "Wenn wir es machen wollen, muss es wirklich etwas bringen", denkt er. Also begannen beide, sich intensiv mit Morricones Werk zu beschäftigen und in es einzutauchen. "Wir wollten unbedingt herausfinden, wie er als Mensch und Musiker wirklich war", erinnert sich Maret. Daraufhin nahmen sie Kontakt zu Morricones offiziellem Biographen Alessandro De Rosa auf. Mit ihm führten sie während der Pandemie mehrere Gespräche. De Rosa hat eine aufschlussreiche Lobrede auf das Album geschrieben.
"Wir wollten so viele Klänge und Farben wie möglich einfangen, denn das ist ein wesentlicher Bestandteil von Ennio Morricones Musik", sagt Maret. Die ganze Bandbreite von Morricones Werk kommt in "Ennio" deutlich zum Ausdruck: Ein Stück, in dem starke Emotionen aus der Kindheit der Musiker lebendig werden, ist "Chi Mai" aus dem Film "Le Professionel". Beide erinnern sich daran, den Film als Kinder gesehen zu haben. Logischerweise wird es als Duett für Mundharmonika und Klavier vorgetragen, aber bei genauem Hinhören entdeckt man einen anderen Klang im Bass: die unterschwelligen Resonanzen von Collins Spiel auf einem antiken Pedalharmonium.
"Once Upon a Time in the West" - eine Filmmusik, die ungewöhnlicherweise vor den Dreharbeiten komponiert wurde - und die anderen "Spaghetti-Western" von Sergio Leone sind auch dabei. Und das vielleicht am wenigsten Überraschende an "Ennio" ist, wie gut die Musik des Italieners zu Marets "großherzigem Sound" (Ottawa Citizen) passt: Maret wurde von zahllosen Leuten geraten, und zwar schon länger, als er sich erinnern kann...dass es so sein würde. Und doch offenbart ein aufmerksames Anhören dieser Sammlung unerwartete Leckerbissen und Geschenke, die nie zu enden scheinen.
Für Überraschungen sorgen zum Beispiel die zahlreichen Gastmusiker. Maret sagt, er habe sich wirklich glücklich gefühlt, als er von Cassandra Wilson hörte, dass sie die Idee, neue englische Worte für Minas "Se Telefonando" zu schreiben, als "Liebesdienst" empfand - Maret ist seit einem Jahrzehnt in ihrer Band. Und er war ebenso begeistert, als Gregory Porter zustimmte, den Song im Duett mit ihr zu singen. Und auch die anderen Instrumentalisten sorgen für Magie: Schlagzeuger Marcus Gilmore "kann so ziemlich alles und ist ein erstaunlicher Mensch", sagt Maret. Gitarrist Marvin Sewell und Bassist Burniss Earl Travis II sind ebenfalls Marets Kollegen aus Cassandra Wilsons Band und sorgen für allerlei faszinierende Klänge. Und auch Collin hat einige Tricks auf Lager: So ergänzt er den Sound von Maret auf "Man with a Harmonica" mit der Unheimlichkeit von Raritäten aus den 1970er/80er Jahren: einem MoogCordovox White Elephant und einem fußbetriebenen Analogsynthesizer, einem Taurus.
Alessandro De Rosas Covertext zu "Ennio" fasst das Album sehr gut zusammen: Es "führt den Hörer durch die Komplexität von Morricones vielschichtigem Werk und zeigt anschaulich die emotionale Wirkung, die es auf ihn hatte. Es ist eine Reise, die diesen immens bedeutenden zeitgenössischen Komponisten auf eine neue und authentische Art und Weise vorstellt und erzählt."
Bill Laurance & The Untold Orchestra - BloomCD / Vinyl / digital
Bill Laurance piano, fender rhodes mk8, osmose expressive, prophet 6
Rory Storm conductor
The Untold Orchestra
Bloom, das ACT-Debüt des Pianisten und Komponisten Bill Laurance als Leader, vollzieht einen Wandel von der kleinstmöglichen Form musikalischer Interaktion zum Breitbildformat. Nach dem international gefeierten ACT-Album Where You Wish You Were gemeinsam mit seinem Snarky Puppy-Bandkollegen Michael League trifft Bill Laurance nun auf das junge, 18-köpfige Streichorchester The Untold Orchestra. Entstanden ist ein Werk das eine enorme Bandbreite an Emotionen und Stimmungen erzeugt."Der Ausgangspunkt meiner Laufbahn ist meine klassische Klavierausbildung", sagt Bill Laurance, "und dieses Album ist sicher das ‚klassischste‘ das ich je gemacht habe." Gleich das titelgebende Eröffnungsstück zeigt, wie natürlich ihm der Spagat zwischen klassisch geprägtem, orchestralem Sound, der Spielhaltung des Jazz und der Eingängigkeit populärer Musik gelingt: Eine Reihe von dunklen, warmen Streicherakkorden öffnet den Vorhang, bald darauf entwickelt sich ein intensiver Rhythmus, gleichzeitig leicht und treibend. Und über allem entwickelt sich schließlich eine kristalline Klaviermelodie, die in eine fantasievolle, sich hypnotisch steigernde Improvisation mündet. In nur wenigen Minuten wird die Essenz einer Musik hörbar, die trotz der Vielzahl ihrer Bestandteile und Wendungen vollkommen natürlich fließt, unmittelbar erfühlbar ist und gleichzeitig nicht alle ihre Geheimnisse beim ersten Hören preisgibt.Inspiriert wurde die Musik des Albums besonders durch die kindliche Fähigkeit, in der Fantasie neue Welten zu erschaffen. Bill Laurance sagt: "Jede Entscheidung die wir treffen hat ihren Ursprung in unserer Vorstellungskraft. Und das, was wir erreichen können, ist nur durch unsere Fähigkeit zu träumen begrenzt. Diese Fähigkeit den Vorhang der Realität zurückzuziehen hat mich sehr dazu beflügelt meine eigenen Möglichkeiten zu erweitern.“Die Grundidee für Bloom war es, grenzenlose Musik von großer Intensität zu schaffen. Nach einer Phase des Experimentierens machte sich Bill Laurance von seinem Londoner Studio aus an die Komposition und Umsetzung.The Untold Orchestra erwies sich schnell als perfektes Gegenüber: Das erst 2019 gegründete Ensemble aus Englands neuer musikalischer Keimzelle Manchester setzt auf Kollaborationen in den unterschiedlichsten Genres. Das junger Orchester beherrscht den Groove und die Direktheit moderner Popmusik ebenso, wie die Raffinesse und Nuanciertheit der Klassik und zeitgenössischer Musik. Gespielt von diesem außergewöhnlichen Ensemble und arrangiert von Joshua Poole wecken die Kompositionen von Bill Laurance Assoziationen zu italienischem Barock, Vivaldi, Schostakowitsch und Philip Glass.
Bloom lebt von seinen Kontrasten. Und von Bill Laurances Fähigkeit, aus diesen ein stimmiges Ganzes zu schaffen, das die Zuhörenden in seinen Bann zieht, unabhängig davon, in welcher Musik sie sich normalerweise zu Hause fühlen. Auf diese Weise knüpft Bloom an sein Vorgängeralbum Where You Wish You Were an, wenn auch mit ganz anderen Mitteln: Es ist Musik die imaginäre Welten erschafft, in denen man sich nur allzu gerne verliert.
Júlio Resende - Sons of RevolutionCD / digital
Júlio Resende piano
Bruno Chaveiro portuguese guitar
André Rosinha double bass
Alexandre Frazão drums
Special Guest: Salvador Sobral vocals on 11
„Júlio Resende hat die Fähigkeit, Portugals tief-emotionale Musik am Piano neu zu erfinden“, schreibt das international führende Weltmusik-Magazin Songlines über den portugiesischen Pianisten und Komponisten. Resende ist ein Pionier des „Fado Jazz“ – so der selbst gewählte Name für die von ihm kreierte Mélange. Und damit ist er auch ein exemplarischer Vertreter des Jazz-Begriffes wie ihn ACT vertritt: Jazz als Mittel des individuellen Ausdrucks.Dass sich die Menschen in Portugal frei ausdrücken können, verdanken sie der Nelkenrevolution von 1974, der Júlio Resende die Musik seines neuen Albums „Sons of Revolution“ widmet. Der friedliche Umsturz von António de Oliveira Salazar beendete nicht nur dessen Regime und ebnete den Weg für die Demokratie, er war ebenfalls das Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft und der damit verbundenen blutigen Kriege in Mosambik und Angola. „Ohne die Nelkenrevolution wäre ich nicht auf der Welt“, sagt Júlio Resende. „Mein Vater stammt aus Angola und emigrierte nach der Revolution nach Portugal, wo er meine Mutter kennenlernte. Die Freiheit, das auszudrücken, was ich denke und fühle, bedeutet mir sehr viel. Und das ist auch das Wichtigste im Jazz: Die einzige Konstante in dieser Musik ist die Idee der Freiheit.“
Die Idee, die Musik seiner Heimat mit dem Vokabular des Jazz zu verbinden, ist für Resende also eine ganz natürliche. Und seine Pionierarbeit trägt langsam Früchte. „Kurioserweise fanden gerade die Fado-Musiker den Ansatz von Anfang an toll. Für sie ist Fado eine lebendige Musik, nichts Museales. Eine Kunstform mit tiefen Wurzeln, die sich aber ständig weiterentwickelt und mitten im Leben der Portugiesen passiert. Die Jazzer haben ein bisschen länger gebraucht, aber ich merke, dass sich immer mehr von ihnen trauen, ihre eigenen Traditionen stärker in ihre Musik einfließen zu lassen.“ Dabei ist Resendes Fado Jazz keine Art der Bearbeitungen traditioneller Songs, sondern lebt von seinen oft berückend schönen, Melodiegetragenen Eigenkompositionen, die den Geist beider Welten perfekt verkörpern.
Eine Bearbeitung findet sich dennoch auf dem Album - „Fado Ponciana for Ahmad Jamal“ mit dem Resende zum ersten Mal nicht den Jazz zum Fado bringt, sondern umgekehrt. Und das Ergebnis klingt auch hier so leicht und natürlich, als hätte es diese Verbindung schon immer gegeben. Besondere Konstante von Resendes Fado Jazz ist, neben dem Klavier, die für den Fado typische, Lautenähnliche Guitarra portuguesa – eine Farbe, die im Jazz ziemlich einzigartig sein dürfte. Auf „Sons of Revolution“ ist sie Teil von Resendes perfekt eingespieltem Quartett zusammen mit Bassist André Rosinha und dem Schlagzeuger Alexandre Frazão, aber auch in mehreren Duo-Stücken nur zusammen mit dem Klavier zu hören. Gespielt wird sie von Bruno Chaveiro, einer der gefragtesten Spieler dieses Instruments und Begleiter von Fado-Größen wie Carminho oder Ana Moura. Mit dem Sänger und ESC-Gewinner Salvador Sobral ist auf dem Stück „A Casa Dela / Her House“ schließlich ein langjähriger Weggefährte Resendes zu Gast, dessen internationale Popularität ebenso auf einem starken Jazz-Background und der Verwurzelung in der portugiesischen Lied-Tradition fußt. All diese so ungewöhnlichen und gleichzeitig organisch wirkenden Verbindungen machen klar, worum es in der Musik von Júlio Resende geht: Tiefe, echte Emotionalität, musikalische Freiheit, ein Maximum an Ausdruck und eine ganz und gar heutige, lebendige Weiter-Erzählung lange gewachsener Traditionen. Credits:
Recorded, mixed and mastered by André Tavares in June 2023, Timbuktu Studios, Lisbon Produced by Júlio Resende
Shalosh - Tales of UtopiaCD / Vinyl / digital
Gadi Stern piano and keys
David Michaeli double bass
Matan Assayag drums
Wieder sind da der eingängige Groove und die ausgeprägte Melodik, die den typischen Shalosh-Sound definieren. Wieder gibt es diese Dreierkompaktheit, die schon im hebräisch „drei“ bedeutenden Bandnamen steckt. „Heavy-Jazz!“, hörte der deutsche Rolling Stone und der Kritiker der Times eine „Verheißung“. Im Deutschlandfunk war die Rede von „Jazz auf der Überholspur“, der wieder „junge Jazzfans in ganz Europa“ erreicht. Der Tagesspiegel schreibt wiederum begeistert „Diese Band rockt“. Jeder der drei Musiker speist seine musikalischen Vorlieben Jazz, Klassik, Grunge, Rock, Techno oder Folk in den gemeinsamen Organismus ein, der die Elemente zu einem spannungsgeladenen Gemisch verdichtet. In begeisternden Konzerten rund um den Globus ist das weiter verfeinert worden, ohne das Publikum zu unterfordern. Diese Musik zielt gleichermaßen auf Herz, Intellekt und Beine.So hätte es weitergehen können, doch hat sich seit „Broken Balance“ aus dem Jahr 2020 vieles verändert. „Es ist eine andere Welt“, sagt Gadi Stern, „das kann man auf dem neuen Album hören. Damals war alles in Ordnung, fast nichts fehlte. Jetzt ist da ein Gefühl vom Ende der Welt.“ Also stellten sie ihre Musik, die immer schon ein Story-Telling in Tönen gewesen ist, in größere Zusammenhänge. Dazu dachten sie sich eine Geschichte aus, die auf Stoffen aus dem Alten Testament und der Odyssee basiert. Mit ihrer rhapsodischen Mischung aus christlicher und griechischer Mythologie fanden sie eine Verbindung von Weltkulturen und einen roten Faden für ihr Album. Ein junger Held reist ins Unbekannte. Unbekannt jedoch ist nicht nur die äußere Welt, sondern auch das eigene Innere. Doch jede Reise ist auch begleitet von Selbstvergewisserung, die einen stärker macht. „Tales of Utopia“ handelt davon, wie utopisches Denken auf der Beschäftigung mit dem eigenen Ich basiert, auf Konzentration und Meditation als Gegenmittel zum Informationsoverkill.Shalosh formulieren ihre Musik als Zufluchtsort. In einer krisendurchzogenen Welt wollen sie Kraft und Trost spenden, Fantasie beflügeln und Halt geben gegen Pandemie, Panzer und Parolen. Wie in einem Stationendrama schaffen sie Bilder vom Erreichen der großen Stadt mit ihrer Flut neuer Eindrücke, in denen sich der Held zurechtfinden muss, von der Reizüberwältigung auf dem Markt mit Gerüchen, Farben und Bewegungen, vom dramatischen Verlassen der Metropole im Sonnenuntergang, vom schlingernden Boot auf dem Ozean, von den drei Schwestern auf der Insel, die sich um den Helden kümmern, wobei sich deren Stimmen verschränken. Die Träume des Königs sind zweigeteilt in all den Turbulenzen und stimuliert von einem schlechten Berater, bis alles dann doch im Happy End in einem marokkanisch inspirierten Hochzeitslied mündet, bei dem sich die Band mit Freunden zur Party mit Händeklatschen und Gesang in einem Raum trifft."
Den Rahmen dieser immer gültigen Geschichte gibt der einprägsame Shalosh-Sound, in den sie die Geschichten fügten wie auf einem großen Gemälde, wobei sie die Chronologie der Ereignisse dem musikalischen Flow angepasst haben. Anders war diesmal der Aufnahmeprozess. Ohne Kopfhörer und Amps haben die drei nah beieinander wie unter Livebedingungen ihre song- und soghaften Geschichten aufgenommen. Rauer und direkter klingt das, denn der Raum war mit Dynamik aufgeladen. Wichtig war, was die Texte musikalisch auslösten. „Drin im Raum konnten wir dem Trouble der Welt entgehen“, erinnert sich Schlagzeuger Matan Assayag. „Für drei, vier Stunden haben wir uns auf die Musik fokussiert und unsere Utopie formuliert. So konnten wir den täglichen Druck ausblenden. Das ist der Sinn hinter dem Titel. Das vorige Album reflektierte die Welt draußen, dieses handelt von innerer Harmonie.“„Tales of Utopia“ dokumentiert eine Suche nach Haltung und Friedfertigkeit. Gadi und Matan sind jüngst Väter geworden. Auch diese positive Energie ist eingeflossen. „Kunst macht die Welt besser“, beschreiben sie ihre Intentionen, „wir wollen Schönheit in die Welt bringen und ein Gefühl erzeugen, dass die Leute mit sich selbst glücklich sein können. Das müssen sie wieder lernen und neben der Informationsflut eine Position finden, damit nicht immer mehr immer weniger bedeutet. Unsere Kinder waren dabei die besten Lehrer, weil sie sich von kleinen Dingen faszinieren lassen. So kann man das Destruktive überwinden.“ Es gibt mehr als den allgegenwärtigen Pragmatismus. Diese packende und farbenreiche Musik lädt dazu ein, sich verzaubern zu lassen und sich auf das Schöne ringsum zu fokussieren. Dazu setzt sie auf einen humanen Faktor, der nicht nach Perfektion strebt, sondern nach kontemplativer Frische, Reibeflächen und Vitalität. Credits:
Music composed, arranged and produced by Shalosh
Cover art "Blokeret dør, 2000" by Tal R
Peter Somuah - Letter to the UniverseCD / Vinyl / digital
Peter Somuah trumpet, vocals (Soft Touch, Odo), guitar (Odo) Jesse Schilderink tenor saxophone Anton de Bruin keyboards & rhodes Marijn van de Ven double bass & electric bass Jens Meijer drums Danny Rombout conga, bells, shakers & djembe Thomas Nii Lantey Botchway dundun, banana bell, talking drum Lisette Ma Neza spoken words (The Universe) Latanya Alberto vocals (Moonlight) Gyedu Blay Ambolley rap vocals (Reincarnation) Stevo Atambire vocals (The Sky) Lydia Stavraki & Inda Duran vocals (The Universe) Strings on Mission on Earth, Soft Touch & Moonlight: Celeste Engel & Luna Hallenga violin Daniela Rivera viola Jasper den Hond cello
Ghana gilt seit vielen Jahrhunderten als Land der Geschichtenerzähler. Diese große Tradition muss aber nicht unbedingt mit Worten oder der Stimme fortgeführt werden. Peter Somuah spinnt das Storytelling mit seinem Instrument: Als junger Trompeter begibt er sich zwischen dem Highlife seiner Heimat, seinem Idol Miles Davis und der kosmopolitischen Musiksprache seines neuen Zuhauses Holland auf eine faszinierende Suche nach Identität. Diese Reise ist sein „Letter To The Universe“.Als Somuah mit seiner Band im Juli 2022 beim North Sea Festival umjubelt von der Bühne geht, ist dem Publikum klar: Hier ist ein außergewöhnlicher neuer Künstler am Start. Es ist sein erster großer Festival-Auftritt, bislang hatte er nur in Clubs gespielt. Und die Frage kommt auf: Wer ist dieser ghanaische Mittzwanziger, der das Auditorium so verblüfft hat?In Ghanas Hauptstadt Accra wächst Peter Somuah mit dem Highlife auf, jener swingenden Mischung aus süßer Palmwine Music und den Bigband-Einflüssen der Kolonialzeit. „Mit 14 kam ich zur Trompete“, erinnert er sich. „Ich spielte in einer Marching Band Highlife und Afrobeat, hörte die Platten von Musikern wie E.T.Mensah und transkribierte ihre Soli.“ Doch Somuah wendet sich durch ein Schlüsselerlebnis einer anderen Jazz-Ära zu: Wenn der Name Miles Davis fällt, geht ein Leuchten über sein Gesicht. Er erinnert sich, wie eines Tages ein Kumpel ihm ein Video von Miles mitbrachte. Somuah ist geflasht: „Ich wollte unbedingt auch so spielen können. Ich hatte keine Ahnung, was er und wie er das machte, ich versuchte einfach, die Noten rauszuhören und ihn nachzuahmen. Die Afroamerikaner und wir sind durch die Sklavengeschichte verbunden, und durch diese Gemeinsamkeit konnte ich eine spirituelle Verbindung zu Miles aufbauen.“ Somuah hört sich durch alle Phasen seines Vorbilds, studiert daneben auch das Spiel von Freddy Hubbard und Roy Hargrove. Fortan ist es sein Ziel, mit seiner eigenen Musik eine Verbindung zwischen Ghana und Modern Jazz auszuloten. Nach einem Aufenthalt in China bei Freunden und mehreren Jahren in den Reihen einer Band, die durch Frankreich, Belgien und Spanien tourt, folgt er seiner Partnerin nach Holland. An der Codarts Arts School von Rotterdam nimmt seine Vision einer kosmopolitischen Jazzsprache Gestalt an… Er formt ein weltoffenes Sextett und spielt mit ihm die Scheibe „Outer Space“ ein. Ein Debüt, auf dem er einen eigenen Sound modelliert: „Auf ‚Outer Space‘ ging ich raus aus der Box der Vorschriften, in der dich die Puristen halten wollen. Es ging darum, ich selbst zu sein, es ging um die Freiheit, alle Musikstile zu mischen, die ich mag.“ „Outer Space“, mit dem Edison Jazz Award dekoriert, hat viele afrikanische Gerüche, Highlife und Afrobeat leuchten noch kräftig durch. Mit „Letter To The Universe“ hat Peter Somuah sich als reisender Geschichtenerzähler weiter hinausgewagt in den musikalischen Kosmos. Seine neuen Kompositionen spiegeln die Stationen seines jungen Lebens: die ghanaische Vergangenheit, die Arbeit seiner Jazz-Idole und die lebendige afropäische Szene seiner neuen Benelux-Heimat. Im pulsierenden, rasenden „Mission On Earth“ kann man eine unverkennbare Widmung an Miles Davis‘ „Bitches Brew“-Phase und die geschichtete Architektur des heutigen Cosmic Jazz eines Kamasi Washington herauslesen. Das Stück setzt ein kräftiges Ausrufezeichen dafür, wie kompakt und organisch das Zusammenspiel seiner holländischen Band um Keyboarder und Produzent Anton de Bruin sich über das gesamte weitere Album gestaltet.
Somuahs Werk ist aber keinesfalls nur Männersache: Gleich den Prolog des Opus überträgt er an die in Ruanda wurzelnde Slam-Poetin Lisette Ma Neza. Wie ein Programm für die Scheibe formuliert sie die großen Identitätsfragen reisender Afrikaner, die im Jahre 2023 zwischen Kontinenten, Philosophien und Livestyles ihre Fragen an das Universum richten. Tastend setzt sich auch Peter Somuahs Musik mit dieser afropäischen Existenz auseinander, mit einem Trompetenton, der nur selten durch Virtuosität auftrumpfen muss. Vielmehr erzeugt er in beredtem Erzählton einen Flow, dem es auch auf Spielfreude und Tanzbarkeit ankommt. Denn ghanaische Farben sind auf dieser Reise auch zu finden, etwa in den lockeren Sechsachtelrhythmen aus der Ashanti-Region („Green Path“), der Verschmelzung der ruppigen Fra Fra-Musik aus dem Norden Ghanas mit Jazz („The Sky“), oder in Highlife-Anleihen beim Auftritt des ghanaischen Altstars Gyedu-Bley Ambolley („Reincarnation“). Peter Somuah auf seiner Suche zwischen den Erdteilen zu begleiten, ist ein Erlebnis auch für europäische Ohren. Der junge Ghanaer fügt dem kosmopolitischen Jazz des 21. Jahrhunderts ungehörte Geschichten hinzu – noch mit offenem, und gerade deshalb so spannendem Ausgang.Credits:
Music composed by Peter Somuah
Nguyên Lê - Silk and SandCD / Vinyl / digital
Nguyên Lê guitars, synths, vocals Chris Jennings acoustic bass Rhani Krija percussion gumbri, vocal
Seit der Gitarrist Nguyên Lê vor über dreißig Jahren der erste exklusive ACT-Artist wurde, hat er sich als eine unverkennbare Stimme seines Instruments etabliert. Und als einer der wichtigsten Vertreter des Jazz als Weltmusik ohne Grenzen. Der der 64-Jährige gehört zu den wenigen, die in Technik, Stil und Komposition einzigartig und von der ersten Note an erkennbar sind – eine Meisterschaft im eigentlichen Sinne also. Mit „Silk and Sand“ kehrt Lê nun zum Format des Trios zurück, mit dem er einst, auf „Million Waves“ seine Karriere als Leader begann.Das Lê so klingt und denkt, wie sonst kein anderer Gitarrist, liegt zum einen daran, dass er ein Autodidakt ist, mit Schlagzeug begann, erst spät zur Gitarre wechselte und vor seiner Musikerkarriere Bildende Kunst und Philosophie studierte. Dass er also sein Instrument völlig unverschult und nach eigenen Kriterien erlernte und sein Horizont weit über die Musik hinausreicht. Zum anderen hat sich Lê von Anfang an als Brückenbauer verstanden, zwischen den Genres, Stilen und Kontinenten. „Ich bin eine personifizierte Fusion der Kulturen,“ sagt er. Und ist dementsprechend ein Weltmusiker im eigentlichen Sinne, in dessen Werk sich stets die europäische, speziell französische Musikkultur und die südostasiatische seiner Wurzeln mit den amerikanischen Traditionen des Jazz und Rock, aber auch Musiken anderer Kontinente begegneten. Angefangen mit seiner ersten, stark afrokaribischen Band Ultramarine über Alben wie „Zanzibar“, „Tales from Vietnam“, über die Beteiligung am bahnbrechenden Neo-Flamenco-Projekt „Jazzpaña“ und seine Zusammenarbeit mit der traditionellen vietnamesischen Sängerin Huong Thanh bis hin zum Trio E_L_B mit Peter Erskine oder seinem vielfach preisgekrönten Jimi-Hendrix-Projekt.
Nach vielen Global-Fusion-Rock-Projekten mit internationalen Stars in den vergangenen Jahren geht es mit „Silk and Sand“ wieder weitgehend zurück zu den Wurzeln. Einem wie im Titel schon angedeuteten feineren, leiserem Musizieren mit größerem Jazz-Anteil, das nach eigenem Bekunden an frühe Werke anknüpft: „Auf meinem Album ‚Three Trios‘ von 1996 habe ich zwei Stücke "Silk" und "Sand" genannt: Kostbare, doch starke Seide, die das Zusammenspiel der Musiker verwebt; Wüstensand, der den Traum des Musikers von einem anderen Ort verfolgt... 26 Jahre später bleiben diese Titel wie Kieselsteine auf dem Weg, den man mit seinen Schritten gegangen ist.“ Doch Nguyên Lê wäre nicht er selbst, würde er für ein neues Trio nur auf Zutaten einer klassischen Jazzbesetzung setzen. Seine Wahl für den Rhythmus-Posten fiel auf den marokkanischen Percussionisten Rhani Krjia, einen musikalischen Seelenverwandten mit dem zusammen zu arbeiten für Lê ein lange gehegter Wunsch war und dessen filigrane, farbenreiche Grooves schon die Musik von Stars wie Sting, Keziah Jones oder Dominic Miller bereicherten. Das musikalische Fundament liefert der Kanadier Chris Jennings, ein langjähriger Weggefährte Lês und einer der gefragtesten Bassisten dies- und jenseits des Atlantiks.
Der Titeltrack oder auch „Thar Desert Dawn“ veranschaulichen die Magie zwischen den drei Musikern: Inbrünstige, in Improvisationen ausgreifende Melodien legt Lê über die nordafrikanischen Rhythmen des von Rhani Krija und den wuchtigen, aber singenden Bass von Chris Jennings. Vorher führte der Opener „Red City“ wild und dynamisch mitsamt Stimmengewirr und Rufen in den Trubel asiatischer oder afrikanischer Städte. Rockiger wird es auf „Onety-One“ und vor allem auf „Tiger’s Dance“, ruhiger geht es beim hymnischen „Moonstone“ und dem wie ein Fluss weite Bogen schlagenden „The Waters of Ortigia“. „Baraka“ ist stark von funk-unterstützten afrikanischen Rhythmen und Rhani Krijas Intro auf der Gimbri geprägt, das finale „Becoming Water“ bringt dann noch einmal auf unwiderstehliche und berührende Weise die Melodik und die Klangfarben des Maghreb und Südostasiens zusammen.
Zum Basis-Trio mit Jennings und Rhani stoßen bei zwei elegischen Stücken Sylvain Barou mit Bansuri- und Duduk-Flöte, bei „Moonstone“ Miron Rafajlovic mit Trompete und Flügelhorn dazu. Den in neuen Ideen mündende Rückgriff auf Lês Anfänge verdeutlicht ein weiterer Gast auf „Silk and Sand“: Bei „Baraka“ spielt Etienne Mbappé den E-Bass, der an der Seite etwa von Joe Zawinul, John McLaughlin oder Salif Keïta berühmt gewordene Kameruner, der schon bei Lês erster Band Ultramarine dabei war. So schlägt Lê „Silk and Sand“ auf für den Hörer unwiderstehliche und genussvolle Art nicht nur erneut eine Brücke zwischen Asien, Afrika und Europa, zwischen Jazz, Rock und Weltmusik, sondern auch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.Credits:
Music composed and produced by Nguyên Lê Cover art "Snake" by Lucy Dodd, 2017
Bill Laurance & Michael League - Where You Wish You WereCD / Vinyl / digital
Bill Laurance acoustic piano and voice Michael League oud, fretless acoustic guitar bass, fret-less baritone electric guitar, ngoni and voice
Man kann kaum über Michael League und Bill Laurance sprechen, ohne Snarky Puppy zu erwähnen. Der amerikanische Bassist und Multi-Instrumentalist Michael League gründete das weltweit gefeierte, vierfach GRAMMY-prämierte Kollektiv vor knapp 20 Jahren. Und fast genauso lang ist der britische Pianist und Keyboarder Bill Laurance Teil dieses globalen Abenteuers. Dass League und Laurance mit „Where You Wish You Were“ ihr erstes gemeinsames Duoalbum vorlegen, scheint überraschend und folgerichtig zugleich. Besonders mit Blick auf Michael League, der hier, anders als mit Snarky Puppy, vor allem an der Oud und anderen akustischen Saiteninstrumenten zu hören ist und betont: Wir sind so viel mehr, als der Teil der populärsten Band, der wir angehören.“ Und Bill Laurance fügt hinzu: "Ein gemeinsames Album war nur eine Frage der Zeit. Michael und ich sind seit 20 Jahren eng befreundet und haben in so vielen verschiedenen Bereichen zusammengearbeitet - mit Snarky Puppy, meiner eigenen Band und mit anderen Künstler:innen. Und so kennen wir einander in- und auswendig und es fühlt sich extrem natürlich an, zu zweit zu spielen.“ Anders als mit dem Großprojekt Snarky Puppy, welches jüngst unter anderem die Londoner Wembley Arena füllte, waren Laurance und League für das gemeinsame Duo schier besessen von der Idee der Reduktion. Die Aufnahmen boten eine lang ersehnte Gelegenheit, die Intimität, Zerbrechlichkeit und die Klarheit der Beziehung zwischen zwei Musikern zu erkunden. "Michael und ich wurden lange vor allem von der Idee angetrieben, Grenzen zu verschieben. Das ist wichtig, aber dieses Album ist anders." erinnert sich Laurance. "Jede einzelne kompositorische Idee hat ein großes Gewicht, und alles hat einen ganz bestimmten Zweck. Es gab keine Rhythmusgruppe, hinter der man sich verstecken konnte, es ging wirklich nur um Melodie und Harmonie. Und wir haben instinktiv versucht, einen Ort zu kreieren, an den die Hörer:innen gerne besuchen, der sich friedlich, sicher und warm anfühlt. Denn wir haben das Gefühl, dass es heute, vielleicht mehr denn je, ein Bedürfnis nach solchen Orten gibt." Was neben dem Duo-Format mit seinem reduzierten, konzentrierten Ansatz besonders überrascht, sind die klanglichen und stilistischen Zutaten der Musik. Bill Laurance, der sonst häufig auf eine Verbindung aus Piano und einer Vielzahl von Synthesizern und orchestralen Arrangements setzt, fokussiert sich hier auf den Sound des akustischen und nur mit etwas dämpfendem Filz präparierten Flügels.
Und Michael League, sonst vor allem als von Jazz und Groove befeuerter E-Bassist bekannt, spielt hier eine Reihe von meist bundlosen Saiteninstrumenten mediterranen und orientalischen Ursprungs - allen voran die Oud, aber auch speziell für ihn konstruierte, akustische und elektrische Gitarren sowie die westafrikanische Laute „Ngoni“. Alles Instrumente mit einer gesanglichen Qualität und Möglichkeiten der Intonation, die weit über klassische westliche Vorstellungen von Intervallen und Harmonien hinaus gehen. Die musikalische Nähe zum mediterranen Raum begleitet Michael League seit seiner Kindheit und ist noch mehr geprägt durch seine heutige Wahlheimat Spanien: "Meine Familie ist griechischer Abstammung und mein Bruder ist ein Spezialist für griechische Volksmusik. Und so hielt ich zum ersten Mal eine Oud in der Hand, als ich als 14-Jähriger in dessen Zimmer schlich. In unserem Elternhaus spielte immer griechische und türkische Musik und in den letzten knapp zehn Jahren habe immer wieder die Türkei besucht, um mehr über die Musik der Region zu lernen. Ich liebe es, Oud zu spielen, aber da ich nie wirklich Unterricht genommen habe, ist meine Beziehung zu dem Instrument etwas unausgereift. Mein Oud-Mentor, der große armenisch-amerikanische Musiker Ara Dinkjian, hat jedoch darauf bestanden, dass ich meine Stimme auf dem Instrument ohne formale, traditionelle Studien weiterentwickle. Ihm gefällt die unkonventionelle Art, mit der ich es spiele - fast wie eine Blues-Slide-Gitarre. Und er ist gespannt darauf, zu sehen, was passiert, wenn ich diesen Weg weiterverfolge." Und so ist “Where You Wish You Were” kein World-Jazz-Fusion-Album geworden und war auch nie als solches angelegt. "Bill und ich sind uns darüber im Klaren, dass dieses Projekt nichts mit der Nachahmung regionaler, lange gewachsener Stile zu tun hat", betont League. "Wir wollen etwas schaffen, das einzigartig ist, auch wenn es bestimmte Elemente etablierter Musikgenres enthält." Und so ist es wie so oft in der musikalischen Welt, die man heute als „Jazz“ bezeichnet: Der Kosmos der persönlichen, musikalischen und klanglichen Einflüsse der beiden Musiker dienen nicht der Abgrenzung oder Kategorisierung, sondern vielmehr als Vokabular für einen eigenen, unverwechselbaren Ausdruck. Und es schafft mit seinen ganz auf Melodie, Harmonie und Raum fokussierten Kompositionen, seinem warmen Klang und dem beseelten Spiel der beiden Akteure einen Ort, an den man sich beim Hören nur allzu gerne hinträumt und immer wieder zurückkehrt. Credits:
Produced by Bill Laurance and Michael League Cover art "Opus 18" by Nadia Attura
Júlio Resende - Fado JazzCD / digital
Júlio Resende piano
Bruno Chaveiro portuguese guitar
André Rosinha double bass
Alexandre Frazão drums
Lina vocals (on Profecia)
„Seit 1992 formiert ACT seine eigene, musikalische, Europäische Union, fördert den Austausch zwischen Nationalitäten und Genres und vermittelt uns einen authentischen Eindruck davon, was diese Gemeinschaft ausmacht.“ Man könnte es kaum passender formulieren als die britische TIMES, wenn man über den neuen ACT Künstler, den portugiesischen Pianisten Júlio Resende spricht. Sein ACT-Debüt „Fado Jazz“ zeigt eine weitere, bisher kaum gehörte Seite des europäischen Jazz: Resende übersetzt den bittersüßen „Blues“, aber auch die hellere Seite der Fado-Musik seiner Heimat, in die Sprache des Jazz. Als wahrer Pionier auf diesem Gebiet ist Resende in Portugal bereits ein etablierter Künstler, füllt klassische Konzertsäle, führt mit seinen Aufnahmen die dortigen Pop-Charts an, arbeitet im Duo mit der klassischen Klavier-Ikone Maria João Pires und hat auf seinem Tribute Album „Amália por Júlio Resende“ mit der Fado-Legende Amália Rodri-gues ein posthumes Duett aufgenommen. Auch ist seine Musik Bestandteil von Serien auf HBO und Netflix. Die wichtigste spanische Tageszeitung „El Pais“ konstatiert über seine Musik als Leader: „Resendes Umgang mit Fado erinnert an das, was Keith Jarrett mit Jazzstandards macht“ und Alex Dutilh, renommierter Jazzjournalist aus Frankreich, sagt: „Júlio Resende, die neuste Entdeckung der portugiesischen Szene, ist auch die vielversprechendste und spielt auf Augenhöhe mit Pianisten wie Stefano Bollani oder Yaron Herman.“ Fado, das ist für die Portugiesen nichts Museales, sondern Musik-gewordenes Lebensgefühl, gelebte Historie und zugleich ständig in Bewegung. Von den Geschichten über den Schmerz der Mädchen und Frauen, wenn die Seefahrer den Hafen verließen, über die bittere Zeit des Salazar-Regimes, die Hoffnung der Nel-kenrevolution, bis zum lebendigen, weltoffenen Portugal von heute. Und so haben sich auch die Spielarten und die Rezeption des Fado gewandelt. Die Ikonen dieser Musik sind nationale Held*innen, die jungen Akteure erreichen ganz selbstverständlich ein Publikum ihrer Generation und öffnen den Fado für Einflüsse aus Pop und der Musiktradition anderer Kulturen. Und so ist auch Júlio Resendes Sicht auf den Fado aus dem Blickwinkel des Jazz zwar neu, aber absolut logisch. Seine Musik folgt keiner Crosso-ver-Intention, sondern ist ganz natürlicher Teil einer Entwicklung. Er sagt: „Ich weiß nicht, ob das, was ich mache, nun Fado oder Jazz ist. Vielleicht ist es beides. Ich will mich da nicht festlegen, denn wer sich festlegt, hört auf, sich zu entwickeln. Ich bewege mich lieber frei, wie der Klang.“ Fast alle Stücke auf „Fado Jazz“ sind Eigenkompositionen Júlio Resendes. Ein weiteres Indiz, dass es ihm nicht um Bearbeitung, sondern um Weiterentwicklung geht. Gleich der Opener „Vira Mais Cinco“ steht exemplarisch für diesen Ansatz. Da ist diese unwiderstehliche Melodie, der vertraute Klang der Guitarra Portuguesa, jenem Lauten-artigen Instrument, das zur traditio-nellen Fado-Besetzung gehört, und die eine einzigartige Klang-farbe aus Einflüssen Nordafrikas und Südeuropas erzeugt, welche für diese Musik so prägend sind. Aber da sind auch Klavier, Schlagzeug und Kontrabass, keineswegs klassische Fado-Charaktere, die aber so klingen und spielen, als hätten sie schon immer und ganz selbstverständlich dazu gehört. Und schließlich tänzelt das Stück im ungeraden 5/4 Takt, was ihm einen so ungewöhnlichen, wie organischen Dreh verleiht. Es sind diese Verbindungen, die Resendes Musik so neu und interessant, aber zugleich zugänglich und natürlich klingen lassen.Wenn es, neben den großen Stimmen und ebensolchen Gefühlen, eine Tugend gibt, die den Fado in seiner traditionellen, wie modernen Form weit über die Grenzen Portugals populär gemacht hat, dann sind es seine großen, oft tränentreibend-berührenden Melodien. Und von diesen gibt es auf dem Album „Fado Jazz“ reichlich: Balladen wie „Lira“, „Este Piano Não Te Esquece“, „All The Things - Alfama - Are“ oder der kreisende „Fado Blues“ und das schlicht umwerfend schöne „Tiro No Escuro“ spielen mit dem für Portugal so typischen Gefühl des „Saudade“, der Sehnsucht und Melancholie. Doch es gibt auch genauso viele bewegte, leichte Stücke wie „Vira Mais Cinco“, „Fado Das 7 Cotovias“ (im „krummen“ 7/4 Takt), das lebhafte „Fado Maior Improvisado“ oder das Boleroartige „Tiro No Escuro“. Und ganz am Ende erklingt doch noch eine Gesangsstimme, die der jungen und zugleich enorm populären portugiesischen Sän-gerin „Lina“, welche Júlio Resendes Komposition „Profecia“ mit magischem Ausdruck und ohne jeden Pathos zum Leuchten bringt.Credits:
Recorded by André Tavares at Atlantico Blue Studios, July 2020
Mixed by André Tavares and Júlio Resende
Mastering by André Tavares
Produced by Júlio Resende
Daniel García Trio - Via de la PlataCD / digital
Daniel García piano, Fender Rhodes & synths Reinier Elizarde “El Negrón” acoustic bass Michael Olivera drums Guests: Ibrahim Maalouf trumpet Gerardo Núñez guitar Anat Cohen clarinet
„Eine der aufregendsten Stimmen der aktuellen spanischen Jazzgeneration“, titelte Jazz thing über Daniel García, als dieser im April 2019 sein ACT-Debüt „Travesuras“ vorlegte. Tief taucht der Pianist in die Musik seiner Heimat ein und verbindet diese auf höchst eigenständige und ausdrucksstarke Weise mit dem Vokabular des modernen Jazz-Pianotrios. Auf „Vía de la Plata“ schreitet Garcia diesen eingeschlagenen Weg nun unbeirrt weiter fort.Der in Madrid lebende García trägt ein tiefes Gefühl für die Geschichte in sich, die ihn geprägt hat. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er in Salamanca geboren und aufgewachsen ist, einer geschichtsträchtigen Stadt mit mehreren bedeutenden archäologischen Stätten. In den Jahrhunderten seit dem Mittelalter spazierten Priesterschüler in ihren wallenden Gewändern die Calle Compañia entlang, eine Straße im Zentrum der Stadt, die von hohen Barockbauten beschattet wird. Die Stadt war auch eine der wichtigsten Stationen auf der Vía de la Plata (der „Sil-berstraße“), einer römischen Route vom Norden in den Süden der iberischen Halbinsel. Klar, nachdenklich und selbstbewusst, wenn er spricht, hat García sowohl ein Verständnis als auch eine Leidenschaft dafür, was dieser alte silberne Faden durch sein Land bedeutet: Die Vía de la Plata gab der Halbinsel ihre Hauptschlagader. Sie ermög-lichte es Spanien auch, zum ersten Mal zusammenzukommen und sich zu definieren. Spanien existiert als Schmelztiegel verschiedener Kulturen, mit keltischen und nordischen Einflüssen, aus dem östlichen Mittelmeerraum und Afrika, aber auch aus Amerika. Die Vía de la Plata ist ein lebendiges Symbol dafür, wie „all dies in Spanien zusammenschmilzt", wie Garcia erklärt. Und das ist ihm hier - musikalisch - auch gelungen. Denn das Bewusstsein des Pianisten für diese verschiedenen Kulturen, die Spanien geformt haben, ist auf dem Album allgegenwärtig: Und die Gäste, die er für diese Aufnahme ins Studio eingeladen hat, repräsentieren musikalische Erbschaften aus verschiedenen Himmelsrichtungen.
Der in Beirut geborene Trompetenstar Ibrahim Maalouf ist auf zwei Stücken zu hören, dem nachdenklichen Opener, Manuel de Fallas „Canción del fuego fatuo“ (Lied des Irrlichts), und auf „Silk Road“, einem verlockenden Blick weiter nach Osten. Die charismatische Klarinettistin Anat Cohen, die in Israel aufgewachsen ist und jetzt in Amerika lebt, gibt mit diesem Al-bum ihr Debüt bei ACT. Sie erzeugt wunderbare Emotionen und eine flackernd zarte Schlusskadenz auf „Pai Lan“, einem Stück, das Garcías Frau gewidmet ist, wobei der Titel des Stücks der Name ist, unter dem sie (Belén) bekannt war, als sie in China lebte. Dritter Gast auf dem Album ist sein spanischer Landsmann, der Gitarrist Gerardo Núñez. Er und García sind gleichermaßen fasziniert von den Verbindungen zwischen Flamenco und Jazz. In dieser, ihrer ersten Zusammenarbeit hier, zeigen sie ein natürliches Einfühlungsvermögen, besonders in „Calima“, be-nannt nach dem Wind, der Sandstürme aus der Sahara heranträgt. Garcías Mitstreiter im Trio - Reinier Elizarde "El Negrón" (Bass), Michael Olivera (Schlagzeug) - stammen aus Kuba. García lernte sie in der Jazzszene Madrids kennen. Alle drei sind Mitte dreißig und sowohl auf als auch abseits der Bühne eng verbun-den.
Daniel García ist ein leidenschaftlicher Verfechter des musikalischen Erbes von Salamanca. Im Titeltrack des Albums wird dies eindrucksvoll deutlich: mit seinen berauschenden Anklängen an Ravel und den kamerunischen Coupé-Décalé tauschen García und Anat Cohen Melodiefragmente aus der Charrada, einem jahrhundertealten salamancanischen Bauerntanz, aus, wobei sich alles auf wundersame Weise nahtlos zusammenfügt.
Es ist nun ein Jahrzehnt her, dass García als Student am Berklee College of Music in Boston Preise gewann und von Danilo Pérez unterrichtet wurde. Garcia erinnert sich daran, wie der große panamaische Pianist ihn ermutigte, tiefer in die Musik seines Heimatlandes einzutauchen: „Du solltest die Musik machen, die du innerlich fühlst. Das ist nicht nur das, was du machst, das bist DU!“ Es ist, als ob dieser Ratschlag nie verschwunden wäre. Auf „Vía de la Plata“ hat Daniel Garcia nicht nur tief in seinem Erbe als Mensch wie Musiker gegraben und Wahrheiten darüber zu Tage gebracht. Er hat auch Wege gefunden, diese kraft der Emo-tionen in Musik auszudrücken: tief, überzeugend und umfassend auf diesem inspirierenden Album.Credits:
Produced by the artist Executive Producer: Siggi Loch All arrangements by Daniel García except Calima, by Gerardo Núñez Recorded by Shayan Fathi at Camaleón Music Studio, Madrid, Spain. Ibrahim Maalouf recorded by Oscar Ferran at Studio Diasporas, Ivry-Sur-Seine, France. Anat Cohen recorded at Paraiso Recording Studio, Rio de Janeiro, Brazil. Mixed and mastered by Shayan Fathi. Piano technician: David Izquierdo Cover art by Tal R: Fugl, 1995, by courtesy of Contemporary Fine Arts, Berlin
Shalosh - Broken BalanceCD / digital
Gadi Stern piano & synths David Michaeli double bass Matan Assayag drums
Shaloshs Erfolgsgeschichte geht weiter. „Broken Balance soll neu und frisch sein. Wir wollten die Extreme mehr ausreizen, wollten mehr links und rechts schauen und dramatischer sein. Man wird neue Facetten finden“, sind sich die Mitglieder des israelischen Trios einig. Im vergangenen Jahr wurden von der Kritik Namen wie e.s.t., GoGo Penguin und The Bad Plus in Stellung gebracht, als es um ihre ACT-Debüt-CD „Onwards and Upwards“ ging. „Schwerelos swingende Grooves bis zum treibenden Techno-Beat“ wurden gehört und auch „an deutscher Klassik geschultes“ Schwelgen. Und Optimismus, weil „das Allermenschlichste nun einmal die Hoffnung ist“. Um die auszudrücken, springt Shalosh aus den Schubladen. Gute Musik ist nötig, und die machen Pianist Gadi Stern, Kontrabassist David Michaeli und Schlagzeuger Matan Assayag. In Hunderten von Konzerten rund um den Globus haben sie ihr breit gefächertes Publikum davon überzeugt vom Rockfestival bis in den intimen Jazzclub. „Das Leben verläuft nicht linear und unsere Welt hält immer neue Überraschungen bereit. Gegebenes verändert sich, Bekanntes wird modernisiert. Nichts bleibt, wie es ist. Dabei im Gleichgewicht zu bleiben, das Leben auszutarieren, auf persönlicher gesellschaftlicher und auch politischer Ebene, das ist die große Herausforderung unseres Daseins.“ Diese Haltung versuchen Shalosh auch in ihrer Musik auszudrücken. Umso mehr auf „Broken Balance“. Shalosh mischen Stile und Genres munter durcheinander. Sie spielen mit Kontrasten und musikalischen Aggregatzuständen. Durchschlagskraft und Fragilität sind dabei sich zwei ergänzende Pole. Gerade etabliertes nimmt plötzlich eine andere Wendung. „Wir sind immer Shalosh. Es gibt unsere Einheit, die mal nach Swing, dann wieder nach Death Metal klingen kann.“ Beliebig ist diese Musik deswegen noch lange nicht, im Gegenteil. Shalosh ist wie ein gemeinsam atmender Organismus. Sie sind viel mehr als nur ein weiteres Klaviertrio.
Das neue Album hebt an mit „The Orphan Boy Who Wanted To Be A King“. Es ist ein träumerisch beginnender Song mit einer Story. Ein Waisenknabe sinniert über die Vision, ein König zu sein. Die sich steigernde Melodie, lässt das tatsächlich möglich erscheinen. „The Emporer’s New Clothes“ thematisiert Paranoia und Unheil in den Köpfen mancher politischen Führer dieser Tage, die nicht mehr an das Wohl aller denken. Der Sad-Song über David Bowie ist inspiriert von einem Zeitungsfoto und erfindet dazu eine Geschichte, die davon handelt, wie eine schlechte Nachricht in ein künstlerisches Statement über-setzt werden kann. „The Birth Of Homo Deus“ ist der Soundtrack zu einem dreiteiligen Filmskript in dem die Computer das Ruder übernehmen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, und „Nina“ ist seinem Hund gewidmet. Die spontane Ballade „Quiet Corner“ ist die Ruhe-Insel des Albums, und in der einzigen Coverversion des Albums, nimmt sich das Trio endlich ein Nirvana-Stück vor. Ein israelischer Radiosender hatte das angeregt. „Dieser Nirvana-Grunge ist ein großer Einfluss für uns. Wir ha-ben das viel gehört, und sie haben uns sehr inspiriert. Diese Haltung fehlte uns im aktuellen, oft zu ernstem Jazz“, sind sich die drei einig. Zum Bonus-Track „Party On A Powder Keg“ soll getanzt werden. Er fängt ein paradoxes Israel-Gefühl ein: Während des Krieges wurde gefeiert. Diese zupackende Band aus Tel Aviv möchte sich einmischen und protestieren gegen politische Fehlentwicklungen und Egoismus. Im Süden der Stadt, wo es viele Emigranten gibt, leben die drei nah beieinander in jeweils nur zwei Fußminuten Entfernung. Hier proben sie regelmäßig und konzentriert. „Es macht Spaß, miteinander etwas zu entwickeln“, fasst Bassist David Michaeli zusammen. Diesen Spaß kann man hören. Ihre intensiv insistierende Musik stellt keine Denkaufgaben, ist eingängig, wuchtig und doch filigran. Sie entwickelt eine Suggestivkraft, die auf einem Hang zur Perfektion basiert. „Ich habe mich wirklich verliebt in Shalosh“, schwärmte Jamie Cullum. Unbändige Spielfreude erzeugt eine Spannung, die in die Beine geht, eingängige Melodik dreht, wendet und immer weiter steigert. So entsteht in ausgefuchstem Stop & Go ein Sound, von dem man sich gern gefangen nehmen lässt – je länger, je lieber.
Shalosh erzählen Geschichten, denn sie haben was zu sagen. Sie wollen anregen, hinweisen und brauchen dafür keine Worte. „Die Songs sollen hängenbleiben. Es klingt bekannt, obwohl es neu ist“, beschreibt das Matan Assayag. „Emotion ist wichtiger als Intellekt“, fügt David Michaeli hinzu. Und Gadi Stern verweist auf die Spielhaltung der Band: „Wir möchten uns in der Musik verlieren, dann setzt die Magie ein. Du darfst nicht mehr nachdenken, wenn der Flow ganz natürlich geworden ist. Wir öffnen uns, und dann kann jeder etwas tun, das die anderen sofort antizipieren.“
Aus diesem engen Miteinander resultiert Shaloshs kompakter Gruppensound, der markant und wiedererkennbar ist. Er klingt gleichzeitig nach Zukunft und nach Tradition. Dichte Klangereignisse rollen ab, elastisch und stabil. Sie sind strapazierfähig und doch erstaunlich filigran. Innerhalb der nächsten Jazzgeneration sind Shalosh ein markantes Beispiel für einen neuen Zugriff. „Manchmal sagen die Leute, das sei kein Jazz. Wir nehmen das als Kompliment.“ Credits:
Music composed, arranged and produced by Shalosh except Breed by Kurt Cobain Recorded by Michael Dahlvid at Nilento Studio, Gothenburg, February 3rd-5th, 2020 Sound design by Lars Nilsson Mixed and mastered by Lars Nilsson Piano sound design on the “Orphan Boy” by Arik Finkelberg Produced by Shalosh
Nesrine - NesrineCD / Vinyl / digital
Nesrine vocals & cello Vincent Huma guitar David Gadea percussion Swaéli Mbappe bass & moog Manel & Imène Belmokh, Leïla Guinoun background vocals
Wie aus dem Nichts versetzte im Jahr 2018 das zuvor unbekannte Trio NES um die frankoalgerische Sängerin, Cellistin und Songwriterin Nesrine die europäische Musikwelt über Genregrenzen hinweg ins Staunen. Ihr zweites, schlicht „Nesrine“ betiteltes Album ist nicht weniger, als eine Neu-Erfindung der Namensgeberin als Solokünstlerin.
Nesrines Debütalbum „Ahlam“ erntete mit seiner schieren Schönheit, der ungewöhnlichen Besetzung aus Stimme, Cello und Percussion und einer musikalischen Vereinigung des Mittelmeer-Raums von Nordafrika bis Südeuropa begeisterte Reaktionen. Cello-Kollegin Sol Gabetta nannte Nesrine „eine wunderbare Sängerin und Cellistin“, The London Times „ein leuchtendes, multilinguales Talent“. Der französische Produzent und Radio-mann André Manoukian schwärmte „NES lässt uns die Schönheit der Welt hören“ und der Deutschlandfunk brachte es auf den Punkt: „Die Zeit für NES ist gekommen.“ Mehrere umfangreiche Tourneen durch ganz Europa folgten und NES begeisterten ihr Publikum in klassischen Häusern wie der Berliner Philharmonie, dem Konzerthaus Berlin, oder der Amsterdamer Cello-Biennale genau so wie auf großen Jazz- und Weltmusik-Festivals.Nun erzählt Nesrine als Solokünstlerin ihre persönliche und musikalische Lebensgeschichte weiter. In Frankreich als Kind algerischer Eltern aufgewachsen lernte und studierte sie zunächst klassisches Cello, arbeitete schnell mit Institutionen wie Daniel Barenboims „East-Western Divan Orchestra“ oder dem Orchester der Oper in Valencia unter Lorin Maazel und spielte eine tragende Rolle in einem Programm des „Cirque de Soleil“. Doch vor allem in ihren eigenen, kunstvollen Songs in arabischer, französischer und englischer Sprache wird ihre schillernde Künstlerpersönlichkeit hörbar. Eine Musikwelt ohne Grenzen, reflektiert von Nesrines Cello und ihrer kraftvollen Stimme, mit nordafrikanischen Wurzeln sowie einer mediterranen Gegenwart. Und einer faszinierenden Melange aus Minimal Music, klassischer Spielkultur und rhythmischen Einflüssen aus Pop und Jazz.
Für das neue Album hat sich Nesrine mit Produzent und Gitarrist Vincent Huma (Jorge Drexler, Miguel Bosé, Marlango) und Soundingenieur Fab Dupont (Shakira, Jennifer Lopez, Wynton Marsalis, David Crosby u.v.m) zusammen getan. Gemeinsam mit Percussionist David Gadea und Gästen gelingt der Spagat, eine komplexe Welt zu kreieren, die die Natürlichkeit, Reduktion und Wärme des Debütalbums „Ahlam“ beibehält, diese aber zugleich um ganz neue, elektronische Einflüsse und musikalische Ebenen erweitert. Im Zentrum dieser Welt stehen Nesrines Stimme und ihr elektrisches Cello. Letzteres klingt in ihren Händen immer wieder überraschend neu: Mal wie eine nordafrikanische Guembri, dann wieder wie eine E-Gitarre, metallisch scharf oder auch ganz klar und warm. Und dann ist da noch diese Stimme, die direkt zu den Hörer*innen spricht, ihnen mal ins Ohr flüstert, dann wieder wie zum Gebet ruft, mal mit Sanftmut, mal mit Ironie, mal widerborstig und trotzig – und immer auf der Suche, die Welt um uns herum einzufangen und hörbar zu machen. Was auf dem Papier nach „Culture Clash“ oder „Crossover“ klingt, scheint für Nesrine die normalste Sache der Welt. Ihre Musik ist das Spiegelbild ihrer grenzenlosen Generation, in deren Denken und Handeln Herkunft, persönliche und künstlerische Sozialisation und stilistische Grenzen verwischen. Und auch ein Paradebeispiel dafür, wie Musik heute jenseits von räumlichen Grenzen entstehen kann. Sie funktioniert und fließt so natürlich, weil sie keinem Vorsatz folgt, all ihre unterschiedlichen Elemente zu verbinden und ist schlicht und einfach die logische künstlerische Essenz aus der ganz persönlicher Geschichte der Protagonistin.
Weltmusik? Global Pop? Fusion? Könnte man meinen. Aber viel treffender einfach: NESRINE. Credits:
Music composed by Nesrine Belmokh, except Vitamin C by Can (Irmin Schmidt, Michael Karoli, Jaki Liebezeit, Holger Schüring & Kenji Suzuki) Recorded at Jazztone studio, Papalacapa studio, Tigrus studio, November 2019 to February 2020 Mixed and mastered by Fab Dupont (Flux studio) Produced and arranged by Vincent Huma & Nesrine WITH KINDLY SUPPORT OF SPPF Les Labels Indépendants
Grégoire Maret - AmericanaCD / digitalGrégoire Maret harmonica
Romain Collin piano
Moog Taurus pump organ; additional effects
Bill Frisell electric guitar, acoustic guitar; banjo
Clarence Penn drums
Er ist ein Meister darin, mit einem kleinen Instrument große Musik zu malen: Während sein Werkzeug fast in die Hosentasche passt, entwirft Grégoire Maret ohne spieltechnische oder geographische Beschränkungen Klangkunst mit globaler Imaginationskraft. Dieses Mal wandelt der Mundharmonika-Virtuose auf den mythischen Spuren der amerikanischen Seele: „Americana“ ist eine Koproduktion mit Romain Collin, den das US-amerikanische National Public Radio „einen visionären Komponisten und herausragenden Jazzpianisten“ nennt. Gemeinsam haben sie sich niemand geringeres als Bill Frisell an ihre Seite geholt und setzen amerikanisches Songwriting mit der hohen Kunst des Instrumentals in Beziehung, die Weite der Klang-Landschaften mit epischen Geschichten. Maret trägt zwei Kulturen in sich – die europäische und die Afroamerikanische. In der Schweiz geboren und aufgewachsen lebt er seit über 20 Jahren in den USA. „Meine Mutter ist Amerikanerin, in Harlem geboren, und hat mir die afroamerikanische Kultur mitgegeben“, erzählt Maret, der in der New Yorker-Szene längst eine Größe ist und an der Seite von Herbie Hancock und Pat Metheny gespielt hat, über seinen Background. „Das neue Album ist also auch ein Ergebnis meiner ganz persönlichen kulturellen Erfahrungen.“ Diese teilt er mit Romain Collin. Der Franzose fasste, ebenso wie Maret, am Hudson River Fuß, wird von Hancock und Wayne Shorter geschätzt und hat sich einen Namen als feinfühliger Filmmusikschreiber gemacht. „Americana haben wir beim Zusammenfluss von Folk, Country, Blues, R&B, Gospel und Bluegrass gegründet. Die Band beruht in ihrem Wesen darauf, dass wir alle Wurzeln der amerikanischen Musik und Kultur miteinschließen“, so Maret und Collin zum Selbstverständnis der neuen Formation. Um in dieses Universum einzutauchen, zogen sich die beiden die Gitarrenarbeit eines der großen Kreativköpfe des Fachs an Land: Bill Frisells singendes, lyrisches Timbre sowohl auf der Elektrischen als auch der Akustischen ist unverwechselbar, stets geprägt durch seine ganz persönlichen Metamorphosen von Bluegrass, Country und Blues und ein tiefgründiger Kenner der Philosophie des Songwritings. Einen feinen, pointierten Akzent steuert außerdem Clarence Penn bei, als Schreiber und Produzent für Popgrößen sowie als Filmmusiker genauso versiert wie als Jazzdrummer. Die Reise des Americana-Trios startet kurioserweise mit einem Briten – doch spätestens seit dem epischen Dire Straits-Album „Love Over Gold“ hatte Mark Knopfler gezeigt, wie gekonnt er die Mythen der amerikanischen Geschichte verinnerlicht hat. Maret und Collin reduzieren den Welthit „Brothers In Arms“ auf seine Essenz, lassen ihn ganz aus dem tröstlichen Atem der Nostalgie leben. Aus seinem immensen Werkkorpus hat Bill Frisell die Kompositionen „Small Town“ und „Rain, Rain“ beigesteuert: Erstere kommt als bezaubernde Folksong-Miniatur daher, mit rustikal-trockenem Banjo zur wehmütigen Mouth Harp, letztere swingt hymnisch-ruhig im melodischen Geflecht von Gitarren, Piano und Harmonika. Mit Jimmy Webb ehrt das franko-amerikanische Ensemble einen der größten Songschmiede überhaupt: Sein „Wichita Lineman“ gewinnt in dieser verlangsamten Instrumentalfassung nochmals an räumlicher Tiefe, die Seele des Überland-Elektrikers singt geradezu in Marets herzblutender Improvisation. Justin Vernon alias Bon Iver, einem Americana-Vertreter der Hipster-Generation, huldigen Maret & Co in „Re: Stacks“: Maret spendet dem gebrochenen Herzen hier Mut für ein neues Lebenskapitel, umspielt von glimmendem Electronica-Gespinst.
Und schließlich haben Maret und Collin das Americana-Genre auch in Eigenkompositionen adaptiert: Die Weinanbaugegend um das kalifornische “San Luis Obispo” hat Romain Collin in einem ruhig schreitenden, sonnig beschienenen Song eingefangen. Ein genauso stolzer wie inniger Walzer ist Maret mit „Back Home“ gelungen, den Clarence Penn mit dezentem Besen untermalt und der sich zu fast übermütigem Triumph über die Heimkehr emporschwingt. „The Sail“ hingegen kündet von Aufbruch: Das Piano entwirft im Wechsel mit der Harmonika eine weitgeschwungene Dramaturgie, mal nachdenklich, mal entschlossen. Und in ihrem gemeinsamen Finalstück „Still“ sinnen Maret und Collin in einem meditativen Flow über ihren amerikanischen Trip nach.
„Wo und wann immer Grégoire sein Instrument an die Lippen setzt, versetzt er alle Zuhörer mit einer so süßen wie kraftvollen Intensität auf eine höhere Ebene“, diese höchsten Weihen, die Grégoire Maret einmal aus dem Munde von Cassandra Wilson empfing, gelten ganz besonders für dieses introspektive, seelenvolle Album.Credits:Recorded by Jeremy Loucas at Bunker Studios, NY Mixed by Jeremy Loucas at Sear Sound, NY Mastered by Alan Silverman at Arf Mastering Studios, NY Produced by Grégoire Maret; Romain Collin Cover art by Anna Ley: Plus 1992 (2019) / ACT Art Collection
Nguyên Lê - OverseasCD / digital
Nguyên Lê electric & bass guitars, electronics Ngô Hồng Quang vocals dàn nhi fiddle, dàn môi jaws harp, dàn bâu monocorde &dàn tính lute Illya Amar vibraphone, MalletKAT, T’rung bamboo xylophone Trung Bao beatbox Alex Tran percussion & drums Lê Thi Van Mai dàn tranh zither Nguyên Hoàng Anh bamboo sáo flute Minh Dàn Môi dàn do bamboo percussion Cuong Vu trumpet Chris Minh Doky acoustic bass „Overseas“ - neuer Circus aus Vietnam trifft Jazz und Hip-Hop, der Soundtrack stammt von Gitarrist Nguyên Lê. „Overseas“ ist ursprünglich eine spartenübergreifende Performance, die Tanz, Akrobatik und Musik vereint. Das Cirque-Nouveau-Projekte unter der Regie von Tuan Le, der bereits für den berühmten Cirque du Soleil arbeitete, reflektiert den aktuellen Zeitgeist Vietnams künstlerisch, einen Mix aus traditionellen Lebensweisen und dem sich insbesondere in den Großstädten rasant modernisierenden Vietnam. Nguyên Lê hat die Musik dazu geschrieben, ein Mix aus Jazz, traditioneller vietnamesischer Musik und Hip-Hop, die nun von ACT auf dem gleichnamigen Album „Overseas“ dokumentiert ist. Der Gitarrist Nguyên Lê ist nicht nur wegen seiner unverwechselbaren Technik ein großer des Jazz und Stilist von eigenem Rang. Er war von Anfang an auch ein Mittler zwischen den Kulturen. „Ich bin als Sohn vietnamesischer Eltern in Frankreich geboren. Als Künstler begann ich, meine eigene Identität aufzubauen, mit der Kultur meiner Eltern und der des Landes, in dem ich lebte. Und ich bin nicht allein. Diese Erfahrung haben viele und sie kann geteilt werden, überall auf der Welt, nicht nur von Vietnamesen“, sagt Lê. Und so hat er sich in seinem gesamten Schaffen, ob an der Seite berühmter amerikanischer Kollegen, im E_L_B-Trio mit Peter Erskine und Michel Benita, auf den Alben mit der grandiosen vietnamesischen Sängerin Huong Thanh oder seinen verschiedenen eigenen Projekten, mal direkter, mal indirekter mit der Kultur seiner wiederzugewinnenden Heimat beschäftigt. Der Jazz war sein Medium, die vietnamesische Musiktradition mit den verschiedensten Stilen zu verschmelzen, vom Flamenco über die Musik des Nahen Ostens und des Orients bis zu asiatischen Formen. Und auch seine Interpretationen von Led Zeppelin, Janis Joplin und vor allem sein bahnbrechendes Jimi-Hendrix-Projekt sind davon ein Zeugnis, beschäftigen sie sich doch mit den herausragenden Künstlern der Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg. 22 Jahre nach seinem programmatischen Album „Tales from Viet-Nam“ ist „Overseas“ nun ein neues, noch vielfältigeres und multimediales Kapitel seiner Suche nach der vietnamesischen Seele mit den Mitteln des Jazz.
Freilich hat sich die Fragestellung geändert: „Heute lautet sie nicht mehr: ‚Bin ich Vietnamese?‘ Denn so wie sich Vietnam geändert hat, so habe ich mich geändert“, erläutert Nguyên Lê. „Ich bin heute Vietnamese und Weltbürger. Meine Musik will das ausdrücken und dieses Projekt will die Kreativität des Landes hervorbringen, wie es heute ist. Deswegen wurde die Show von so vielen Talenten geprägt.“ Man muss nicht sehen, welche unglaublichen Kunststücke die Performer und Artisten bei „Overseas“ vorführen, um von Lê’s davon inspirierter Musik vollständig in den Bann gezogen zu werden. So wie die Artisten je nach ihrem Migrationsland Circus-Kultur aus Paris, Lyon, Kopenhagen, Settle, Montrael, Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt zusammenbringen, so bringt Lê je Jazz, traditionelle Volksmusik, Rock, Hip-Hop, Reggae und Electronica zu einem verblüffend homogenen Amalgam zusammen. Nach der Prägung seiner Mit-Musiker eben, um noch einmal Lê zu zitieren: „Es beginnt mit der Diaspora der vietnamesischen Künstler, die durch die Distanz zu ihren Wurzeln etwas Eigenes kreieren, das aber trotzdem noch mit der Kultur ihrer Vergangenheit in Beziehung steht. Und so entwickeln wir daraus den Traum einer universellen Kommunikation.“ Dafür hat sich eine eindrucksvolle Riege von Musikern zusammengefunden. Lê‘s Basis-Band für dieses Unterfangen bilden einmal zwei bewährte Mitstreiter, die ihn schon lange in seinen Bands begleiten, der Schlagzeuger und Perkussionist Alex Tran und der französische Vibraphonist Illya Amar; sowie zwei junge, neu integrierte Mitglieder: der neotraditionalistischen junge Sänger und Multiinstrumentalisten Ngô Hông Quang, und der in den USA lebende Beatboxer Trung Bao. Dazu kommen illustre Gäste: Neben dem Zither-Spieler LêThi Van Mai, dem Flötisten Nguyên Hoàng Anh und dem Perkussionisten Minh Dàn Môi der (in Saigon geborene) amerikanische Startrompeter Cuong Vu, der vor allem als Grammy-dekoriertes Mitglied der Pat-Metheny-Band bekannt wurde, und der seit 1989 fest zur New Yorker Jazzszene gehörende dänische Bassist Chris Minh Doky. Sie alle liefern hier keine Illustrationsmusik, von der ersten Note des einleitenden „Noon Moon“ über die siebenteilige „Overseas Suite“ bis zur finalen Beschwörung von „Mother Goddess“ geht es in eine alles erfrischendes Tauchbad der musikalischen Stile, stets getragen von klaren Melodien und mitreißender Rhythmik.
Große Kunst wird vom Geist erschaffen, dem Geist, der die Zeit durchdringt und sie in seinem persönlichen Ausdruck widerspiegelt. Diese Forderung erfüllt Nguyên Lê mit „Overseas“ eindrucksvoll, gerade angesichts der Aktualität des Themas Migration.Credits:
The OVERSEAS band was recorded by Nguyên Lê at Louxor studio, Paris, France. Mai Lê & Hoàng Anh recorded by Truong Anh Quân at Anh Em studio, Hà Nôi, Vietnam. Minh Môi recorded at Tràn Manh Tuân studio, Ho Chi Minh City, Vietnam. Cuong Vu recorded in Seattle, USA. Chris Minh Doky recorded at M-One Productions studio, Copenhagen, Denmark Music written and produced by Nguyên Lê “Mother Goddess” is an arrangement of a traditional Chau Van piece Mastered by Bruno Gruel at Elektra Mastering, except 1, 4, 12 & 13 by Klaus Scheuermann
Grégoire Maret - Harp vs. HarpCD / digital
Edmar Castaneda Llanera harp Grégoire Maret chromatic harmonica & chord harmonica Guests: Béla Fleck banjo Andrea Tierra vocals Das Instrument des einen ist fast mannshoch, das des anderen liegt bequem in einer Hand. Die „Harp“ des Kolumbianers Edmar Castañeda ist beheimatet in der Folklore der música llanera, die des aus der Schweiz stammenden Grégoire Maret kommt aus dem Blues. Doch die Sprache des Jazz macht ein Treffen dieses ungleichen und sehr seltenen Paares nicht nur möglich, sondern zum einzigartigen Erlebnis, denn „Harp vs. Harp“ ist weitaus mehr als ein knackiger Slogan: Mit Castañeda und Maret sind zwei Ausnahmetalente zusammengekommen, die beide ihr Instrument neu definiert haben - ein aufregendes New Yorker Gipfeltreffen zweier kreativer Revolutionäre auf Ohrenhöhe.In den letzten Jahren hat wohl niemand Improvisation und Tradition auf der Harfe zu einem aufregenderen Mix vereint als Edmar Castañeda, Virtuose auf der arpa llanera, die ihre Wiege am Orinoco Fluss hat. Der Kolumbier schöpft aus einem großen rhythmischen und melodischen Folklore-Fundus, der von Mexiko bis Argentinien reicht. Doch in New York, das für ihn bereits mit 16 Jahren zur Wahlheimat wurde, hat er diese Wurzeln zu seinem individuellen Klanguniversum geweitet. Castañeda kreiert auf der Harfe Bassläufe wie im Funk, intime Melodik schwingt sich zu rasanten Läufen empor, während sich darunter donnernde Figuren aus den tiefen Registern lösen. Seine beiden Spielhände scheinen dabei voneinander völlig unabhängige polyrhythmische Welten zu zaubern, von perkussiver Ruppigkeit bis zu filigranen Funkenflügen. Kein Wunder, dass niemand Geringeres als Latin-Saxofonist Paquito D'Rivera ihn entdeckte und förderte. Er sagt über ihn: „Edmar hat die Vielfältigkeit und das bezaubernde Charisma eines Musikers, der die Harfe aus dem Schatten herausgeführt hat und einer der originellsten Künstler des Big Apple wurde.“ Castañeda hat mittlerweile mit Größen von Marcus Miller über Gonzalo Rubalcaba bis Hiromi musiziert. Sein Partner ist der in Genf geborene Mundharmonika-Erneuerer Grégoire Maret, auch er fest in New Yorks Szene verankert. Wie Castañeda hat er eine Menge neuer Ausdrucksmöglichkeiten für sein Instrument entdeckt, ihm neue stilistisch Pforten geöffnet. Die eindrucksvollen Credits reichen von Herbie Hancock über Pat Metheny bis zu Cassandra Wilson, die ihm eine Lobeshymne gedichtet hat: „Wo und wann immer Grégoire sein Instrument an die Lippen setzt, versetzt er alle Zuhörer mit einer so süßen wie kraftvollen Intensität auf eine höhere Ebene.“
„Als ich Grégoire das erste Mal traf, war ich sehr beeindruckt, welche Leidenschaft er für dieses besondere Instrument hat“, sagt Castañeda. „Diese Leidenschaft ist etwas, das wir teilen.“ Beide kennen sich zwar bereits aus seinem multinationalen World Ensemble, doch, so Castañeda: „Ich war so neugierig, wie wir als Duo klingen würden!” Das Ergebnis ist bezwingend: Maret übernimmt im „Blueserinho“ zunächst den virtuosen Lead über Liegetönen, gibt den Staffelstab dann an seinen Kollegen weiter, der aus der Harfe tatsächlich seine ganz eigenen „Blue Notes“ über funkigen Basslinien herauskitzelt. Ein zärtlicher Ton prägt „Hope“, und aus der einfachen Melodie heraus entspinnen sich auf den beiden Harps im Wechsel beredte Improvisationen mit erfrischenden Kaskaden sowie seelenvoller Strahlkraft. Nachsinnend und nostalgisch gestalten Castañeda und Maret eine spanisch inspirierte Liebesballade von Charlie Haden, und im Brasil-Standard „Manhã De Carnaval“ verzahnen sich kantige Synkopen mit tropischem Bluesfeeling.
Schließlich sind es auch zwei Gäste, die das Duospiel bereichern: Castañedas Landsfrau Andrea Tierra schmückt mit ihrer suggestiven Erzählstimme „Acts“ zu einem träumerischen Latin-Mythos aus, in „Romance De Barrio“ weht dank ihres erdigen Alts Tango-Melancholie vom Rio de la Plata hinein. Und eine echte Überraschung ist Béla Fleck, derzeit wohl der größte Banjo-Held überhaupt: Dank seines Spiels wird „No Fears“ zu einem chromatischen Feuerwerk, in dem er mal in übermütigem Unisono mit der Mundharmonika spaziert, sich dann in ein komplexes Saitengefecht mit der Harfe begibt. Aus Jacob Do Bandolims „Santa Morena“ wiederum meißeln die drei meisterhaft eine rasante, aufgekratzte Dramaturgie heraus. „Wir sind beide auf einer Suche, Spiritualität ist ein großer Bestandteil unseres Lebens”, so Maret. In diesen acht Stücken künden er und Castañeda von diesem Weg der Tiefe. Ein Weg, den sie in faszinierender Weise gemeinsam und sich bereichernd beschreiten – mögen ihre Klangwerkzeuge auch noch so verschieden sein. Credits:
Produced by the artists Recorded by Andy Taub in September 2018 at Brooklyn Recording Studios, New York Mixed by Jeremy Loucas in October 2018 at Sear Sound, New York Mastered by Alan Silverman in December 2018 at Arf Mastering Studios, New York Photos by Aline Muller
Shalosh - Onwards and UpwardsCD / Vinyl / digital
Gadi Stern piano, rhodes & micro korg David Michaeli double bass Matan Assayag drums SHALOSH - hebräisch für Drei. Doch sagt dieser Name viel mehr aus, als das er nur auf ein Pianotrio verweist. Für die drei Israeli, den Pianisten Gadi Stern, Bassist David Michaeli und Schlagzeuger Matan Assayag ist SHALOSH mehr als nur eine Band, sondern ein Lebensprojekt. Oder wie Stern es sagt: “SHALOSH is not just a band, it’s an idea.”
SHALOSH kennt keinen Leader, die Musik wird zusammen erdacht. Für die drei ist diese Band ihr Lebensmittelpunkt. Vertraut sind sie sich nicht nur in der Musik, sondern auch im Leben: Stern und Assayag sind Kindheitsfreunde und ihre gemeinsame Geschichte beginnt in Jerusalem, wo sie mit der Band ‘Enoma Elish’ erstmals von sich hören machten. Als die beiden dann 2014 SHALOSH gründeten und nach einem Bassisten suchten, stieß Michaeli im Teenageralter dazu. Seitdem sind die drei unzertrennlich, haben ihren Lebensmittelpunkt nach Tel Aviv verlagert, wo sie in der Nachbarschaft wohnen und sich fast täglich treffen. SHALOSH ist schon fast eine Familienangelegenheit.
Diese intensive Beziehung hat SHALOSH zu einer eigenen musikalischen Vision verholfen. Zu Musik, wie sie nur möglich wird, wenn drei Jungs seit ihrem 16. Lebensjahr zusammen Songs schreiben. SHALOSH schwärmen für Nirvana, Brahms und The Bad Plus, und überspringen sämtliche Stilbarrieren. Sie sind Kinder der 90er und haben die Pop- und Rockmusik dieser Zeit assimiliert. Die Lautstärke des Rock und die Tanzbarkeit elektronischer Musik treffen auf die Sensibilität und den Gestaltungswillen studierter Jazz-Musiker. Von Einflüssen aus der klassischen Musik und des Mittleren Ostens ganz zu schweigen. SHALOSH macht Musik mit einer Sturm und Drang-Mentalität von Mitzwanzigern. Ihre sich ekstatisch steigernden Songs erzeugen eine spannungsgeladene Sogwirkung, wie ein wogendes, dann aufbrausendes Meer, das sich gleichwohl die Zeit nimmt, still zu stehen, um selbst in kontemplativer Schönheit zu baden. SHALOSHs Musik ist somit ein Abbild ihrer Heimat Tel Aviv, einer bunten, toleranten aber auch ungestümen Stadt. Hier werden Grenzen neu ausgelotet, Übermut gefeiert, aber mit dem beruhigenden Meer an den Füßen. „onwards and upwards“ drückt dieses Lebensgefühl aus, als ein Spiegelbild der Lebenswirklichkeit dreier junger Männer in Israel. „onwards and upwards“ startet gleich mit einem Paukenschlag: „After The War“ ist ein tief emotionaler Song von großer Aktualität. Gadi Stern: „Das Stück beschreibt den Wesenszustand eines Landes im Krieg. Vom schleichenden Beginn mit ihren selbstsüchtigen politischen Führern, die skrupellos und manipulativ agieren, über die explosive Stimmung kurz vor dem Ausbruch, bis hin zur Grausamkeit im Kriegszustand und schließlich dem melancholischen Nachwehen, wenn die Menschen realisieren, welches Unglück sie erfahren haben und wie sinnlos alles war.“ Als Israeli wissen SHALOSH genau, wovon sie sprechen. Aber das Stück ist keine Schwarzmalerei, denn es gibt Hoffnung für die drei, dass sich unsere Zivilisation zum Besseren wendet: „Das Stück heißt nach und nicht vor dem Krieg.“
Mit der Hommage „Tune For Mr. Ahmad Jamal“ würdigen sie einen großen Stilisten des Jazzpianos. Das Stück mit seinem swingenden Charakter fällt etwas aus dem Rahmen des Albums heraus, ist der SHALOSH-Sound doch grundsätzlich weit entfernt von jenem eines traditionellen Jazz-Piano-Trios. „Aber Jamals Trio hat uns stark beeinflusst und wir wollten ihm unbedingt Respekt zollen. Das Stück ist sehr verspielt und hat einen optimistischen Charakter. Genau das verbinden wir mit Jamals Musik.“ Eine Reminiszenz ist auch „Children of the 90´s“. Stern, Michaeli und Assayag werden hier nostalgisch und schwelgen in Erinnerungen an die Musik ihrer Jugend, indem sie den speziellen Sound und das Lebensgefühl dieser Ära in den SHALOSH-Kosmos überführen. Schließlich finden sich auch zwei Covernummern auf „onwards and upwards“. A-has „Take on Me“ und „You´ll Never Walk Alone“ aus dem Broadway-Musical „Carousel“ der 1940er Jahre. Der als Fußball-Hymne berühmt gewordene Song erhält in der rockigen, breakbeatartigen Instrumentalversion des Trios einen gänzlich anderen Charakter. Letztendlich ist „onwards and upwards“ ein großer postmoderner Spaß, und schließlich ein Statement dafür, dass es immer weiter geht, im Leben, unserer Welt und natürlich in der Musik. Oder wie Gadi Stern es sagt: „Wir ruhen uns nicht auf dem Erreichten auf, sondern wollen mit SHALOSH immer wieder neue musikalische Abenteuer zu erleben.“Credits:
Recorded by Michael Dahlvid at Nilento Studio, Gothenburg (Sweden), October 31 to November 2, 2018 Mixed and mastered by Lars Nilsson Choir on Onwards And Upwards recorded by Kobi Farhi at Mitzlol Studios, Tel Aviv (Israel), November 19, 2018 Music composed, arranged and produced by SHALOSH, except otherwise noted
Daniel García Trio - TravesurasCD / digital
Daniel García piano, Fender Rhodes, synths Reinier Elizarde "El Negrón" bass Michael Olivera drums Special guest: Jorge Pardo flute (on 04 & 10) „Flamenco und Jazz sind Brüder“, sagt Pianist Daniel García, eine der aktuell wohl aufregendsten Stimmen der neuen Generation des spanischen Jazz. „Beide haben sie ähnliche Wesensmerkmale: Selbstausdruck, völlige Hingabe im Moment des Musizierens sowie das tiefe Erleben im Augenblick.“ Damit bringt er auf den Punkt, wovon „Travesuras“ erzählt: García taucht tief in die Musik seiner Heimat ein und verbindet diese Einflüsse mit dem Vokabular des modernen Jazz-Pianotrios. Das Ergebnis ist eine eigenständige und ausdrucksstarke Musik, in der rhythmische Intensität mit melodischem Reichtum, harmonischer Finesse und ungemeiner Virtuosität einhergeht.
Gemeinsam mit seinen langjährigen Weggefährten, dem Bassisten Reinier Elizarde “el Negrón” und dem Schlagzeuger Michael Olivera, sorgt García für musikalische Interaktion auf höchstem Niveau: „Wenn wir spielen, versuchen wir uns auf das 'intensive Zuhören' der Musik, die wir machen, zu konzentrieren. Wir tauschen ständig Informationen aus und reagieren darauf. Es ist wie das Formen einer Skulptur in Echtzeit, eine sehr intensive Erfahrung, und wir denken, dass wir das Publikum an dieser Intensität teilhaben lassen können". Auf zwei Stücken ergänzt der spanische Flötist Jorge Pardo das Trio, ein Veteran des Flamenco-Jazz, der auch schon mit den spanischen Musiklegenden Paco de Lucía und Camarón de la Isla bis hin zu Gerardo Núñez und Chano Domínguez zusammenspielte. Entscheidend für die musikalische Entwicklung des 1983 in Salamanca geborenen García war vor allem Danilo Pérez, Grammy prämierter panamaischer Jazz-Pianist, der am Berklee College of Music in Boston sein Lehrer war und zum Mentor wurde: „In der Musik geht es um Wahrhaftigkeit und Selbsterkenntnis. Erst dann kann man tiefer zu den Dingen dringen und einen eigenen künstlerischen Ausdruck finden. Danilo hat mir den Weg gewiesen.“ Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: 2011 erhielt er in Berklee die Auszeichnung für die beste Jazz Performance. In der Folge spielte er mit namhaften Musikern wie Arturo Sandoval, Greg Osby und Perico Sambeat.Auch die abendländische Kunstmusik ebnet Garcías künstlerischen Weg: Bevor er in die USA ging, durchlief er eine klassische Klavierausbildung am Castilla y León Conservatory in Salamanca, eine der besten Ausbildungs-städten des Landes: „Geht es im Jazz doch vor allem um das WAS, setzt die klassische Musik einen Fokus auf das WIE. Und eine gute Spieltechnik gibt mir die Freiheit genau das auszudrücken, was ich fühle.“ Es ist faszinierend zu hören, wie in Garcías Musik Kadenzen, Harmonien und Klangfarben aus der abendländischen Kunstmusik aufblitzen, ganz unverhofft eine Flamenco-Wendung nehmen, sich in Jazz-Harmonien auflösen oder in kraftvolle Improvisationen münden. Eine ganz direkte Reminiszenz an die klassiche Musik sind die vier Versionen von „Dream of Mompou“, die auf der Musica Callada des spanischen Komponisten Frederic Mompou basieren.
Flamenco, Jazz, klassische Musik. Das ist bei weitem nicht alles, was an musikalischer Substanz in García schlummert, der sich selbst als Eklektiker bezeichnet. Rock, elektronische Musik, Musik des mittleren Ostens sowie kubanische Musik, sogar mit mittelalterlicher Musik und gregorianischen Chorälen hat er sich beschäftigt. „Sovieles hat die spanische Kultur beeinflusst und auch in mir Spuren hinterlassen. Stücke wie Vengo de moler und Travesuras reflektieren diese Entwicklung.“
„Travesuras“ ist alles andere als musikalisches Patchwork. Hier klingt nichts aneinandergereiht. Ausgangspunkt für Garcías Erkundungen sind oft aus dem Flamenco stammende harmonisch-rhythmische Grund-strukturen und melodische Phrasen: So findet man eine Solea in „Dream Of Miles“, oder ein Tango in „La Comunidad“. „Mein Ziel ist es, die originäre spanische Musik kraft der Improvisation in einen neuen Kontext zu überführen und stilistische Trennlinien unsichtbar werden zu lassen.“ In diesem Sinne ist auch der Albumtitel zu verstehen. Eine wirkliche Entsprechung für „Travesuras“ kennt das Deutsche nicht. Es ist die Art von unschuldigem, naivem Verhalten, wie man sie oft bei Kindern beobachtet, die ungezwungen die Welt entdecken. „Eine schöne Metapher für das, was ich versuche, zu tun: Schaue aus einem unbedarften Blickwinkel auf die Musik. Mach dich frei von Konventionen, lass dich treiben und du wirst sehen, ob nicht etwas Neues, interessantes dabei herauskommt.“Credits:
Recorded by Manuel Pájaro, Shyan Fathi and Pablo Pulido at Estudio Uno, Madrid, October 15 - 17, 2018 Mixed and mastered by Shayan Fathi at Camaleon Studios, Madrid, November 2018 Produced by Daniel García Executive Producer: Siggi Loch Cover art by Mimmo Paladino, by kind permission of the artist
Nguyên Lê - StreamsCD / Vinyl / digital
Nguyên Lê electric guitar & electronics Illya Amar vibraphone Chris Jennings acoustic bass John Hadfield drums & percussion Nguyên Lês Musik ist im ständigen Wandel. Der französische Gitarrist mit vietnamesischen Wurzeln gilt als herausragender Musiker, der auf spannende und bahnbrechende Weise den Jazz mit weltmusikalischen (insbesondere asiatischen) Einflüssen kombiniert. Seine neueste Veröffentlichung „Streams“ setzt diese Tradition fort, ist aber radikaler als zahlreiche seiner „Weltjazz“-Projekte zuvor. Denn hier bewegt sich Lê nicht im Kontext eines exotischen, ethnischen Instrumentariums, sondern sucht mit einem Jazz-Quartett nach neuen Klängen, die in traditionellen Kulturen verwurzelt sind. „Streams“ erforscht die vielfältigen Dimensionen der Fusion von Jazz und indigener Musik als Nährboden für Komposition und Improvisation. Das Ergebnis ist ein musikalischer Fluß verschiedenster kultureller Strömungen und Musikkonzepte, die durch Nguyên Lê filigran und synergetisch vereint werden. Ein neuer Sound entsteht.
„Jedes meiner Alben ist das Gegenteil von dem, was ich zuvor gemacht habe, jedes hat eine eigene Geschichte“, sagt Lê. „Streams“ enthält mehr Jazz als frühere Projekte – in Lês persönlicher Definition des Wortes. Doch Lê möchte auch zeigen, wohin ihn seine musikalische Reise gebracht hat: verschiedenste kulturelle Eigenarten haben sich in sein Spiel integriert. „Ich bin eine personifizierte Fusion der Kulturen”, sagt Lê. So gelingt es seinem Quartett, komplizierte Polyrhythmen und Klänge anderer Kulturen in den Jazz einfließen zu lassen, ohne mathematisch oder aufgesetzt zu klingen. Denn der Fokus liegt auf den Melodien des Albums.
„Jede Melodie von „Streams“ hat ihre eigene ethnische Inspiration. Das Album demonstriert die Reise durch die Kulturen und wie sich diese auf ihrem Weg verändern. Enthalten sind viele indische Rhythmuskonzepte, indische und vietnamesische Phrasierungen, orientalisch-melodische Akzente und Rhythmen aus dem Maghreb, aber ebenso Unbekanntes aus imaginärer Folklore“, sagt Lê. Und so loten seine Songs eine neue, einnehmende und komplex kompositorische Perspektive aus: Er eröffnet das Album mit dem Song „Hippocampus“, dessen Titel Programm ist: als hätte das Quartett den gleichnamigen Teil des Gehirns beim Verarbeiten verschiedenster Eindrücke vertont. „Subtle Body“ ist ein Stück, bei dem unterschiedliche Taktarten nahtlos aufeinanderfolgen. Und „Mazurka" besitzt eine romantische Melodie mit einer starken rhythmischen Entwicklung, basierend auf den westindischen und polnischen Wurzeln.
Nguyên Lês Quartett ist eine Symbiose von Musikern, Menschen und künstlerischen Persönlichkeiten. Den Vibraphonisten Illya Amar kennt Lê bereits seit dessen Kindheit. Als Stiefvater konnte er ihm bei dem Erwachsenwerden zusehen und seine Entwicklung zu einem fantastischen Vibraphonisten verfolgen. Amar ist mit allen Aspekten von Lês Musik vertraut und bereits auf einigen seiner früheren ACT-Veröffentlichungen wie „Songs of Freedom“ und „Fragile Beauty“ zu hören. Chris Jennings, der am akustischen Bass einzigartig stabile Grooves liefert, lässt jede Basslinie kunstvoll singen und kennt Nguyên Lê ebenfalls seit über 10 Jahren. Über Jennings lernte Lê auch den amerikanischen Schlagzeuger John Hadfield kennen, der eine tiefe Verbundenheit zu Urtraditionen verschiedener Kulturen verspürt. Er reiste nach Indien, Peru, in die Mongolei, den Nahen Osten und nach Indonesien, um sich intensiv mit den Rhythmen und Instrumenten dieser Kulturen zu beschäftigen. „Die weitreichenden ethnisch-musikalischen Erfahrungen und Kenntnisse meiner Kollegen sorgen dafür, dass sie meine Musik sofort verstehen“, betont Lê. Offenheit und Spontanität sind für Nguyên Lê die wesentlichen Elemente des Jazz: „Durch das interaktive Zusammenspiel sind Jazzmusiker ganz besonders für interkulturelle Dialoge qualifiziert. Und das Streams-Quartett ist eines meiner Lieblingsbeispiele, um diesen Dialog zu eröffnen. Es schafft reiche musikalische Gespräche, die, während sie tief im Jazz verankert sind, letztlich doch die Grenzen der Genres überschreiten und den Zuhörern erlauben, sich einfach auf die Musik zu konzentrieren und sie zu genießen. Ich glaube, dass sich eine neue Welt der Inspiration zwischen Tradition und Moderne, zwischen Ost und West und Nord und Süd eröffnet. „Streams“ ist die Realisierung dieser Idee.“